Aus gegebenem Anlass am Valentinstag …

… ein Repost einer kleinen Kurzgeschichte zum Thema Schlaflosigkeit im Februar:

 

Valentinstag. Wie ich den hasse. Wer ist eigentlich dieser Valentin und was hat er bloss mit Blumen zu tun? Oder mit Schokolade? Den muss ich mal googeln. Ich ärgere mich immer noch, Sie merken es. Sie nicht? Das ist schön für Sie. Es war schlimm. Meine Freundin, müssen Sie wissen, hat grosse Erwartungen an mich. Sie ist eine Frau und Frauen wollen ja so vieles. Ja, natürlich, Sie haben Recht. So soll man nicht reden. Aber ich habe in letzter Zeit nicht viel geschlafen. Ich wache des Nachts immer mal wieder auf und muss auf Toilette. Dann liege ich ein bis zwei Stunden wach und grüble. Worüber weiss ich eigentlich auch nicht genau und warum schon gar nicht. Probleme habe ich eigentlich keine. Es ist nur so, dass … Ja, was ist es denn eigentlich? Bitte? Ach so, ja, der Valentinstag. Ja, also, den habe ich noch nie gemocht. Unverschämt wie viel die heutzutage für ein paar Rosen verlangen, da mögen die noch so mit Perlen besetzt und goldenem Glitzer bestäubt sein. Am Valentinstag muss ja alles glitzern heute. Die Damen sind mit nichts mehr zufrieden. Dabei habe ich meiner Freundin extra etwas Ausgefallenes gekauft. Gut, es war vielleicht ein Bisschen altmodisch, aber immerhin war ich mir sicher, dass ausser ihr keine andere Frau ein Töpfchen Erika bekommen würde. Nun schauen Sie nicht so, man darf sich doch auch einmal einen kleinen Scherz erlauben. Nicht am Valentinstag? Ok, dann halt nicht. Jedenfalls sass sie mir im Restaurant gegenüber und machte ein ernstes Gesicht. Da wusste ich schon Bescheid. Es war ja bei Leibe nicht unser erster Valentinstag. Warten Sie, ich muss kurz rechnen. Ja, sechs hatten wir schon gehabt. Dann war es also der siebte. Ich meine stellen Sie sich vor, der siebte Valentinstag und die erwartet tatsächlich noch Rosen und Femina Pralinen. Weil sie die am liebsten mag. Wie? Ach so, ja, das verflixte siebte Jahr. Ja, das können Sie laut sagen. Meine Freundin also sass mir gegenüber, ihren Flammkuchen hatte sie kaum angerührt, und machte dieses ernste Gesicht. Sie kennen sicher diesen Blick, den Frauen draufhaben. Wenn sie wütend sind oder enttäuscht oder beleidigt oder traurig oder betrübt oder einfach nur müde. Das sind alles ganz andere Emotionen, müssen Sie wissen. Ja, da mache ich mir nichts vor. Aber der Blick ist immer derselbe. Dann gilt es eben herauszufinden, oder zu erraten, womit man ihn sich dieses Mal verdient hat. Gut, in diesem Fall war es nicht sonderlich schwierig.

„Der Thomas hat mich nie so lieblos behandelt. Nicht am Valentinstag,“ sagte sie und nahm einen grossen Schluck Rivella.

Rivella rot, weil wenn schon, denn schon. Sie hätte auch ein Glas Hauswein haben können, aber nein. Ausgerechnet Rivella hat sie sich bestellt. Aus Trotz. Weil wir nicht im Rosengarten sondern in der Pizzeria bei mir um die Ecke sassen. Sonst geht sie immer gerne dahin, nur am 14. Februar nicht. Da muss es etwas Besonderes sein. Aus Prinzip. Thomas also.

„Der Thomas war ein Arschloch,“ sagte ich und machte mich über meinen Bananasplit her. Davon gibt es dort besonders grosse Portionen.

„Trotzdem,“ sagte sie und schaute beleidigt auf das Töpfchen Erika, das neben ihren behighheelten Füssen am Boden stand.

Sonst trägt sie keine hohen Schuhe. Sie hat, wie ich, langsam Rückenprobleme. Das kommt mit dem Alter. Der Physiotherapeut hat ihr geraten nur nach flaches, bequemes Schuhwerk zu tragen. Mir auch, aber ich habe Zeit meines Lebens ja sowieso nie etwas anderes getragen. Aber zurück zu Thomas.

„Der Thomas war ein Arschloch,“ wiederholte ich mit vollem Mund.

Ich hatte natürlich Recht, nur konnte sie das nicht zugeben. Nicht am Valentinstag. Thomas, müssen Sie wissen, hat sie belogen und betrogen, nach Strich und Faden. Zwölf lange Jahre war sie mit ihm verheiratet, hat sich alles gefallen lassen und gelitten. Als er sie schliesslich sitzen liess, kam sie zu mir, ihrem Jugendfreund, und weinte sich aus. So war das.

„Du hättest mir ja wenigstens ein Bisschen Schokolade mitbringen können,“ sagte sie jetzt etwas weniger vorwurfsvoll. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich fast gemeint, da wäre etwas Versöhnliches in ihrem Ton.

„Die bekommst du zu Weihnachten,“ sagte ich und schob den Rest des Bananasplits beiseite. Mir war inzwischen der Appetit vergangen.

„Was willst du eigentlich von mir?“ fragte ich und stützte die Ellenbogen auf den Tisch.

„Na, du könntest es wenigstens versuchen.“

„Was versuchen?“

„Weisst du, Erika ist noch nicht einmal eine Blume,“ sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Das ist nie ein gutes Zeichen.

„Was ist es denn dann, bitte schön?“ fragte ich.

„Es ist ein Kraut, ein Heilkraut.“

Sie können sich ja nicht vorstellen mit welcher Verachtung sie dieses Wort aussprach. Kraut. Es ist ja ohnehin nicht das wohlklingendste Wort, bei ihr konnte man aber meinen es handle sich um etwas ganz schlimmes. Plötzlich tat mir das Pflänzchen leid.

„Na, dann mach dir doch einen Tee daraus,“ sagte ich, „Du klingst als hättest du einen Kropf im Hals.“

„Weisst du was? Mit so einem wie dir will ich gar nicht zusammen sein. Und dein Kraut kannst du behalten, du ungehobelter Kerl.“

Sie stand auf und verschwand für einige Minuten in der Damentoilette. Dann fuhr ich sie nach Hause. Seither hat sie nicht mehr mit mir gesprochen. Es sind jetzt gut zwei Wochen. Nachts liege ich wach und grüble. Sie sehen, eigentlich habe ich keine Probleme. Nur den Valentinstag, den hasse ich. Der bringt nur Ärger, lässt den Haussegen schief hängen, selbst wenn man gar nicht zusammen wohnt. Wenn ich es recht bedenke, sprechen wir im Februar immer am wenigsten miteinander. Da kommen Gefühle hoch, verstehen Sie. Ängste und Wünsche gleichermassen. Das ist nicht gut. Ängste und Wünsche haben sich noch nie vertragen, schon gar nicht, wenn er das eine fühlt und sie das andere. So ist das leider. Ich war auch einmal verheiratet, wissen Sie. Da habe ich viel gelernt. Meine Frau war wunderbar, auch wenn sie es mir nicht immer einfach gemacht hat. Ich habe sie sehr geliebt, bis zum Schluss. Selbst als sie kaum mehr gehen konnte, blieb ich bei ihr. Ich habe sie auf Händen getragen, im wahrsten Sinne des Wortes. Auch sie hatte Wünsche, natürlich. Ängste auch, verständlicherweise. Als sie starb, war ich am Boden zerstört. Ich habe viel geweint damals. Am liebsten hätte ich mich in ein kleines Erdloch verkrochen und mich einem ewigen Winterschlaf hingegeben. Fettreserven hatte ich ja schon damals genug. Das konnte ich aber nicht. Es folgte ein langes Jahr, ein wirklich langes Jahr. Da konnte ich auch nicht gut schlafen, so sehr ich es wollte. Ich blieb lange Zeit alleine. Man gewöhnt sich an vieles, auch ans Alleinsein. Dann kam meine Freundin zu mir und heulte sich aus. Ich konnte sie verstehen, irgendwie. Wir taten uns zusammen und es ging uns beiden besser. Nur eben am Valentinstag sprühen die Funken nicht unbedingt so wie sie sollten. Also sie sprühen schon, aber eben, Sie verstehen schon. Sie denkt dann immer an Thomas und lässt ihren Frust und ihre Enttäuschung an mir aus. Selbst wenn ich ihr die goldbestäubten Rosen brächte, wäre sie unzufrieden. Sie zieht sich zurück und ich kann nicht mehr schlafen. So geht das jedes Jahr. Dieser Valentin richtet immer nur Schaden an, dabei soll man schlafende Hunde doch nicht wecken. Eben, eigentlich habe ich keine Probleme. Wenn es diesen blödsinnigen Feiertag nicht gäbe, sässe ich heute nicht hier bei Ihnen. Meine Tochter hat mich zu Ihnen geschickt, wissen Sie. Sie hat gesagt „Papa, du brauchst Hilfe“. Ein paar durchwachter Nächte wegen. Ja, so sind die Jungen heute. Alle brauchen immer sofort Hilfe. Nichts darf man mehr alleine durchstehen. Gefühle. Rauslassen soll man die. Als ob ich das nicht schon längst getan hätte. Ich meine, was wollen Sie von mir hören? Rumheulen werde ich hier bestimmt nicht, das kann ich Ihnen sagen. Ist die Stunde nicht schon bald rum? So, erst dreissig Minuten. Gut, dann sitzen wir hier noch ein Bisschen. Was kann ich Ihnen noch erzählen? Es geht mir ja eigentlich ganz gut. Und der nächste Valentinstag ist ja nun noch eine Weile hin, nicht wahr? Sie lachen ja gar nicht. Na, dann lassen Sie’s eben bleiben, wie Sie wollen. Soll ich Ihnen vielleicht noch etwas von anderen Feiertagen erzählen? Von runden Geburtstagen etwa? Gut, das ist nämlich auch so eine Sache. Wie ich die hasse.

2 thoughts on “Aus gegebenem Anlass am Valentinstag …

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s