Marco Polo

Vor einem Jahr habe ich diesen Text als Antwort auf eine Schreibchallenge vom Odeon Theater veröffentlicht. Ich sollte beim Leser ein bestimmtes Gefühl auslösen ohne dieses direkt zu benennen. Könnt ihr erraten, welches es war?

 

Es war einmal, vor langer Zeit

Ein Kaufmann aus Gepflogenheit

Ich las von seinen Wegesweisen

Von lauten Tönen und von leisen

Es folgt nun hier des Händlers Bericht

In meinen eignen Worten schlicht:

 

Bevor ich an Bord ging im Hafen von Venedig

Ahnte ich vom Leben gar wenig

Ein junger Mann voll stiller Neugier

Stand ich seelenruhig am Pier

Meine Gedanken streiften nur den Horizont

Weiter hätten sie noch nicht gekonnt

Ich liess mich spülen auf meines Vaters Dringlichkeit

Hinaus in die Welt, in eine neue Wirklichkeit

 

Bald schon wurde mir klar

Dass ich naiv und unwissend war

In den Weiten des Ozeans verlor sich die Gischt

Dort, wo jegliches Feuer erlischt

Die Wogen liessen mich jeden Atemzug spüren

Die Wellen hiessen mich ein neues Leben führen

Sie entfachten in mir ein tiefes Bewusstsein

Dass ein geordnetes Dasein nichts war ausser Schein

 

In Konstantinopel schallender Stimmentumult

Vom bunten, emsigen Treiben eingelullt

Taumelte ich durch des Marktes Durcheinander

Roch Pfeffer, Safran, Koriander

Fühlte Wolle, Leinen und zarteste Seide

Liess mich treiben in dieser Sinnesweide

Berauscht kostete ich Datteln und Feigen

Machte mir die Freuden des Weines zu Eigen

 

Auf staubigen Strassen erlangte ich Weisheit

Lernte lieben die Freiheit

Ich traf auf Menschen, die mir geheime Wege enthüllten

Meinen Geist mit fantastischen Geschichten erfüllten

Sie erzählten von rätselhaften Naturgewalten

Vom Einhorn und sonderbaren Gestalten

Im dunkelsten Dschungel hausten Gespenster

Abends solle man schliessen die Fenster

Bis tief in die Nacht sassen wir am Feuer beisammen

Sangen Lieder und sahen zu wie Grenzen verschwammen

 

Auch in Tundra und Steppe vernahm ich liebste Gesänge

Es umspülten mich der Welt bezaubernde Klänge

Das Gurgeln der Bäche, das Plätschern der Regenergüsse

Das Knacken des Eises, das Rauschen der Schmelzwasserflüsse

Selbst der Wüstensand wollte mir die Stimme erheben

Sein tiefes Brummen liess mich innerlich beben

In kältesten Nächten, winkten mir Sternbilder zu

An heissesten Tagen, luden mich der Palmen Schatten zur Ruh      

 

Auf der Seidenstrasse liess man mich wandern

In weiteste Gefilde, vom Bekannten zum andern

Das Fremde löste sich auf und hiess mich willkommen

In den entlegensten Gebieten ward ich vollkommen

Von Karakorum bis Peking zog ich weiter und weiter

Mein Menschsein füllte mich aus, wurde breiter und breiter

Die Jahre vergingen, zogen ins Land

Und ich wünschte mir ich könnte verweilen bis der Tod mir bot seine Hand

 

Nach seiner Heimkehr schrieb er dies nieder

Schuf ein Echo, das die Zeiten durchdringt wieder und wieder

Festgehalten für die Ewigkeit

Hat der Kaufmann seine Seligkeit

Die Feder zur Hand, den Blick inwendig gerichtet

Ward so ein Leben zum Traum uns verdichtet

 

4 thoughts on “Marco Polo

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