Nochmal träumen

Gerade blieb mir die Zukunft im Netz der Vergangenheit hängen. Das ist blöd. Ich sehe sie zappeln neben all den Träumen, denen von gestern, den zerplatzten, zerbrochenen, ungewagten, vertagten. Ich erwäge, sie einfach dort kleben zu lassen, denn dann könnte ich für immer auf meinem Schmerz hocken bleiben und hätte für alles eine Entschuldigung. Nein, heute mag ich nicht aufstehen, es tut so weh. Nein, heute will ich nicht vorwärts blicken, es tut so weh. Nein, heute kann ich nichts bewegen, es tut so weh. Ich könnte mich darin einwickeln, hier in meinem Lehnstuhl sitzen bleiben und zusehen, wie sich die Vergangenheit an der Zukunft vergreift. Was sie wohl alles mit ihr anstellen würde? Würde sie mit ihr spielen wie eine Katze mit der Maus, sie in die Luft werfen wie ein Schwertwal die Robbe? Wie sähe das wohl aus? Würde sie sie portionieren oder gleich am Stück verschlingen? Würde sie sich die Zähne ausbeissen an ihr? Würde sie ihr schmecken überhaupt?

Die ganzen alten Träume hat sie am Ende ja doch auch verschmäht, denke ich. Hie und da fehlt zwar ein Stück, aber im Grossen und Ganzen könnte man sie wieder herrichten. Runterholen, einmal kurz abduschen, zum Trocknen an die Sonne legen und weiterträumen. Ja, das ginge. Eigentlich stört mich das Netz dort oben ja schon lange. Manchmal vergesse ich, dass es da ist, vergesse mich zu ducken, wenn ich vorbeigehe, und dann kleben mir all die verstaubten Erinnerungen im Gesicht, hängen mir an den Lippen, nehmen mir die Sicht. Gestern erst wollte ich den Staubsauger holen, dem ein für alle Mal ein Ende setzen. Einsaugen, fupp und weg. Nur hängt da eben auch ein bisschen Nostalgie mit drin und die glitzert so schön.

Vielleicht sollte ich das alles mal aus der Nähe betrachten. Ich hole mir einen Hocker. Erstaunt stelle ich fest: so schlimm wie ich dachte sieht es hier oben gar nicht aus. Die Vergangenheit ruht auch friedlich in ihrer Ecke. Na sowas. Kurz stupse ich sie an. Schau mal da, lecker Happi-Happi. Nichts. So ist das also. Die schert sich einen Dreck um die Zukunft. Na dann, flieg halt, denke ich und rüttle ganz sachte am Netz. Die Zukunft richtet sich auf und schwebt ins Ungewisse davon. Ich steige vom Hocker, zertrample beinahe zwei kleine Träume, die sich ebenfalls vom Netz gelöst haben. Vorsichtig hebe ich sie auf und erkenne sie wieder. Ja, die waren schön. Die lohnt es sich, nochmal zu träumen. Ich nehme sie mit, reibe sie vorsichtig ab und plötzlich bin ich froh, dass ich nicht sitzen blieb. Auch den Staubsauger werde ich nicht holen, denn wer weiss schon, welche alten Träume die Zukunft mir bringt.

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