Briefe an meine erste Liebe 9

Wann blüht ein Mensch denn?

Weisst du noch, die Sache mit der Rose? Damals, als wir noch jung waren, hast du mir geschrieben, ich würde eines Tages, wie eine Rose eben, zu einer wunderbaren Pracht erblühen. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich meinen letzten Brief an dich hier veröffentlicht und glaubte nicht, dass sich deine Vorhersage, eine Prophezeiung wage ich es nicht zu nennen, erfüllt hatte. Inzwischen bin ich dem, hoffe ich, doch noch ein bisschen näher gekommen. Manche von uns beginnen erst richtig zu blühen, wenn sie einmal ordentlich geweint haben. Tränen haben etwas reinigendes, nicht wahr? Vielleicht erinnerst du dich, dass ich meinen Namen nie besonders mochte. Ich tat mich schwer damit, weil ich ihn in seiner ursprünglichen Bedeutung so schlecht zu erfüllen glaubte. Heute weiss ich, dass es die absolute Reinheit im Sinne einer religiösen Läuterung und Lauterkeit nicht gibt. Für mich persönlich wäre ein solcher Zustand auch nicht erstrebenswert. Wir sind Menschen und Menschen sind fehlbar. Vielmehr geht es darum, mit sich selber ins Reine zu kommen. Das ist etwas anderes. Es ist ein Prozess. Ein stetiges Lernen und Arbeiten an sich. Warum meine Eltern ausgerechnet diesen Namen für mich ausgewählt haben und das noch bevor sie mich kannten, weiss ich nicht, aber heute finde ich ihn irgendwie passend. Vor zwanzig Jahren, als wir uns kennen lernten, du und ich, hätte ich das nicht gedacht.

Schönheit kommt von innen, sagt man. Es ist wahr. Um äussere Schönheit ging es dir damals mit dem Bild der Rose auch gar nicht, stimmt’s? Nein, ganz sicher nicht. Wann blüht ein Mensch denn? Wann leuchtet ein Mensch aus sich selber heraus? Diese Fragen treiben mich derzeit vermehrt um. Du hast irgendwie schon damals in dir selber geruht, jedenfalls schien es mir so. Nur einmal, das weiss ich noch, hast du mir von etwas erzählt, das du an dir selber nicht mochtest. Meiner Meinung nach war es nichts schlimmes, aber unsere Eigenwahrnehmung ist ja so selten deckungsgleich mit anderer Leute Ansicht. Auch du warst nicht perfekt, warst mir jedoch meist ein paar Schritte voraus. Vermutlich bist du das noch immer, aber das macht nichts.

Vor ein paar Monaten war ich mit meinem Sohn im Park und glaubte, dich mit Freunden auf einer Bank sitzen zu sehen. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob du es warst. Ich traute mich nicht, hinüberzugehen. Selbst wenn ich mir sicher gewesen wäre, hätte ich es wahrscheinlich sein lassen. Ich hätte nicht einmal gewusst, was ich dir hätte sagen wollen. Warst du es denn? Es spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass du der erste warst, der an mich geglaubt hat und dass ich dir das nie vergessen werde.

Wie immer lege ich diesen Brief hier für dich ab, auch wenn du ihn mit ziemlicher Sicherheit nicht lesen wirst. Auch das spielt keine Rolle. Was für mich zählt ist nur, diese Dinge, meine Gedanken und meine Dankbarkeit dir gegenüber, einmal mehr in Worte gefasst zu haben.

Merci.

 


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