Die Farbe der Freiheit

Es ist Nacht. Lichter ziehen an mir vorbei, ein warmer Windstoss erfasst meine Haare, bläht sie auf, lässt sie wieder los. Auf dem Rücksitz des Taxis zieht es, die Kunstlederpolsterung ist rissig, die Scheibe, die mich vom Fahrer trennt, schmierig. Jemand muss sich mit fettiger Stirn daran angelehnt haben. Dem Geruch nach zu urteilen hat sich dieser jemand auch übergeben. Wenn ich genau hinsehe, kann ich tatsächlich einen Fleck am Boden ausmachen. Ich konzentriere mich auf die Lichter. Wie viele mögen es wohl sein? Ist da draussen ein Licht für jeden Menschen in dieser Stadt? Dann wären es wie viele Millionen nochmal? Zehn, glaube ich. Zehn Millionen Lichter. Ich richte mein Gesicht zum offenen Fenster, spüre den Fahrtwind jetzt noch unmittelbarer, atme tief ein. Kurz öffne ich auch meinen Mund. Wie schmeckt die Freiheit, die man diesem Land nachsagt? Orange würde ich sagen. Ja, die Nacht hier ist nicht schwarz oder dunkelblau. Hier sind auch keine Sterne zu sehen. Die Nacht ist orange und so schmeckt sie auch. Ist das die Farbe der Freiheit?

Am nächsten Morgen sind die Lichter erloschen. Die Stadt hat sich gewandelt, schmeckt jetzt nicht mehr orange sondern nach Sand. Mein Blick klettert an den fahlen Fassaden empor, steigt Feuerleitern hoch, bleibt irgendwo an einem Fahnenmast kleben. Dort sind sie, die Sterne. Sterne und Streifen. Jemand tippt mir auf die Schulter. Bitte? Nein, ich will keine Stadtführung machen. Ich gehe weiter, versuche auf den Gehweg zu achten. Dann stehe ich an einer Ampel und warte. Ich sehe die Leute um mich herum. Aus allen Weltmeeren, so scheint es, sind sie hier angespült worden. Alle sind sie jemandes Kind, denke ich, jemandes Freund oder Feind, jemandes alles oder nichts. Sie sind einzigartig. Plötzlich fühle ich mich eigenartig. Die Ampel geht auf grün, die Menge setzt sich in Bewegung und ich mich mit ihr. Wir brechen über den Zebrastreifen herein wie eine Flutwelle. Wir sind keine einzelnen Tropfen mehr, die sich am Strassenrand gesammelt haben. Wir sind eins geworden, folgen dem Kommando eines Lichtsignals. Wie austauschbar wir doch sind in den Gezeiten der Stadt. Im Vorbeigehen betrachte ich die Autos, die ebenfalls auf ihr Signal warten.

Dann fällt mir auf, dass es hier keine Bäume gibt. Hie und da eine Topfpflanze auf einem Fenstersims, ein bisschen Efeu an einer Backsteinmauer. Die Farbe der Hoffnung keimt hier scheinbar nur spärlich. Ich sehe einen überfüllten Mülleimer, dann ein eingeworfenes Fenster, eine abgeknickte Dachrinne. Jemand rempelt mich an. Schau gefälligst, wo du hinläufst. Richtig, denke ich, der Gehweg. Ich beginne mich eingeengt zu fühlen, sehe mir nochmal die Menschen hier an, die Werbeplakate, die Strassenschilder, irgendwo ist ein verblichenes Graffiti zu erkennen und ich frage mich, wie es so hoch oben an eine Hauswand gekommen ist. Ich bleibe stehen. So blau ist der Himmel in meiner Heimat nicht. Es beklemmt mich, denn das blau hier grenzt sich zu stark ab von dem ernüchternden Gefühl, das sich in mir ausbreitet. Wie schmeckt die Freiheit nochmal? Ich atme tief ein. Wie trockener Sand. Ich trinke einen Schluck aus einer Plastikflasche mit grüner Etikette, die frisches Quellwasser verspricht. Ich spucke aus. Es schmeckt nach zu vielen Menschen an einem Ort. Ich setze mich auf eine Bank und versuche, die Zahl der Büros im Wolkenkratzer vor mir zu erahnen. Wie bitte? Nein, danke, ich will keine Stadtrundfahrt machen. Ich schaue an mir herunter. Ich sehe nichtssagend aus, habe keine Kamera um den Hals und auch keinen Stadtplan in der Hand. Ich sitze nur hier und steche scheinbar trotzdem aus der Masse heraus.

Ein paar Wochen später lasse ich mich mit ihr wie selbstverständlich durch die staubtrockenen Strassen treiben, durch dieses Kanalsystem, in dem wir alle gestrandet sind, und konzentriere mich dabei auf meine Turnschuhe, auf die Pflastersteine, die Schachtdeckel, die Zigarettenstummel. Mein Blick entgleitet mir nicht mehr den Häuserzeilen entlang nach oben sondern richtet sich auf das wesentliche. Und nachts bin ich eines von zehn Millionen Lichtern, die orange leuchten. Ist das die Farbe der Freiheit?

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