Stillstand

Den ganzen Tag schon hatte sie den Regen von ihrem Schreibtisch aus beobachtet, hatte ihn auf sich wirken lassen. Wie er vom aufkommenden Wind, der angeblich einen Jahrhundertsturm ankündigte, so jedenfalls hatte es der Radiosprecher wenige Stunden zuvor prophezeit, gegen ihr Fenster getrieben wurde, dort hängenblieb, nur um dann doch langsam der Schwerkraft zu erliegen und an der glatten Oberfläche hinabzugleiten. Es schien ihr, als ob die einzelnen Tropfen sich festhalten wollten. Sich festhalten wider ihre Natur, in dem aussichtslosen Versuch, dem sicheren Schicksal zu entgehen, das sie unten auf dem Gehweg ereilen würde sobald sie auf den Pflastersteinen aufkommen und daran zwar sanft,  jedoch endgültig, zerschellen würden. Aber es gab kein Streben wider die Natur. Wider die Endgültigkeit. Es war, dachte sie betrübt, ein richtiger Untag.

Der Himmel war nicht bewölkt, sondern einfach nur weiss. Jeglicher Farbe, jeglichen Ausdrucks beraubt. Da war nichts, was auf die Uhrzeit hätte schliessen lassen, nichts was man auf einer Leinwand hätte festhalten mögen. Festhalten können. Die Farbpallette wäre vollkommen nutzlos bereitgestanden, der Pinsel schwer in ihrer Hand gelegen. Die Leinwand, wäre sie denn empfindsam gewesen, hätte sich vor der bevorstehenden Prozedur geängstigt. Die Häuser, Strassen, ja sogar die Menschen, die sich darin unter ihren Schirmen bewegten, allesamt hätte man sie in einem eintönigen grau hinschmieren können und wäre ihnen in ihrer Ausdruckslosigkeit  gerecht geworden. Der Himmel jedoch, ein betrübliches, alles verneinendes Weiss. Was gibt es tragischeres als eine unbemalte, ja unbemalbare Leinwand? Kein Künstler, und wäre er noch so begnadet gewesen, hätte ein solches Weiss in all seiner Trostlosigkeit darzustellen vermocht. Oder das Gefühl, das sich in ihr ausbreitete während sie so vor sich hin starrte, hinaus auf das Leben, das vor Inbrunst und Leidenschaft nur so hätte strotzen müssen, an jenem Tag aber kaum mehr als ein erlöschender Funke zu sein schien. Ein solches Weiss musste erst noch erfunden werden.

Selbst die Zeit, diesem allumfassenden, allgegenwärtigen Nichts gleichermassen unterworfen, vermochte sich kaum mehr vorwärts zu bewegen. Stunde um Stunde schleppte sie sich voran, das schmerzliche Ächzen ihrer Mühsal beinahe hörbar, greifbar. Das war er also, ihr letzter Tag. Ein Untag. Eine vollkommen nichtssagende Farblosigkeit, die, das war ihr nur allzu gegenwärtig, das Letzte sein würde, das sie sah. So hatte sie nicht sterben wollen. Sie würde sich noch ein Weilchen festhalten. Noch einmal das Blau und das Grün, das Rot und das Gelb ihres Wesens in sich aufkeimen lassen. Sich verabschieden. Dann aber würde sie sich ins Bett legen und die Augen schliessen. Sie würde loslassen und sich ihrem Schicksal hingeben, ganz so als entspräche dies ihrer Natur. Sie würde dem Boden zustreben, dort aufkommen und sanft, jedoch endgültig, an diesem unendlichen Weiss zerschellen.

2 thoughts on “Stillstand

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s