Sorry, Greg, das Leben gibt’s nur scheibchenweise – Teil 2

Dies ist der zweite Teil einer Reihe Kurzgeschichten, die von meinem Freund vom Odeon Theater ins Leben gerufen wurde. Zum ersten Teil “Sorry über Instagram” geht’s hier. Viel Spass mit Teil 2 um Greg und seine vergebene Liebesmüh:

 

Zweites Mal Sorry: Die Sache mit Whatsapp

Es ist verrückt, wie einige Menschen einem ständig über den Weg laufen und andere so gut wie nie. Tara, meine heimliche Flamme aus Jugendtagen, wohnte mir gleich gegenüber in der Wohnung 24 und doch begegneten wir uns kaum. Dem ungepflegten Kerl aus der 3 stand ich allerdings immer wieder gegenüber. Wenn ich den Müll rausbrachte oder mal länger als gewöhnlich am Briefkasten stehen blieb, dann kam er jeweils wie aus dem Nichts um die Ecke und verwickelte mich in die unmöglichsten und abstrusesten Gespräche. Einmal wollte er mir allen Ernstes weismachen, er wäre Gott und könne meine Gedanken lesen.

„Na klar“, sagte ich, „und ich bin der Osterhase.“

„Siehst du“, lachte er triumphierend, „ich wusste, du würdest das sagen.“

Es war mir unbegreiflich, warum ich mich ausgerechnet mit diesem störrigen Kauz immer wieder auseinandersetzen musste, wo es doch genügend geistig stabile Leute in meiner Wohngenossenschaft gab, mit denen ich mich weitaus lieber unterhalten hätte.

Eines Abends klingelte ich nach dem gefühlt millionsten dieser irrsinnigen Gespräche genervt und daher auch gänzlich unüberlegt bei Tara. „Sag mal, kennst du den Typen aus der 3?“ platzte es aus mir heraus, als sie die Tür aufmachte. Ich musste Dampf ablassen und bemerkte noch nicht einmal, dass Tara nur im Bademantel und mit nassen Haaren vor mir stand. Das merkte ich erst, als ich ihr unaufgefordert und bereits wild drauflos quatschend ins Bad gefolgt war und sie den Föhn anmachte. Wie eine Pistole hielt sie ihn mir entgegen und blies mir meine Worte auf höchster Stufe entgegen. Instinktiv hielt ich die Hände hoch und verstummte. Sie machte den Föhn wieder aus und sah mich erwartungsvoll an. Ihr Bademantel war kurz, wirklich sehr kurz. Eigentlich zu kurz, dachte ich, konnte aber nicht wegsehen. „Gehst du denn jetzt auch raus oder willst du mir beim Anziehen helfen?“ fragte Tara in nicht wenig gereiztem Ton. Da hätte man jetzt vieles darauf sagen können. „Nein, entschuldige“ wäre zum Beispiel angebracht gewesen oder sowas wie „oh, pardon“. Ich hätte auch einfach die Klappe halten können und die Badezimmertür leise hinter mir schliessen. Vermutlich wäre das sogar die beste Variante gewesen. Nur gibt es ja eben sowas wie Kollateralschaden. Als ob die Situation nicht schon peinlich genug gewesen wäre, sagte ich nämlich: „Du hast schöne Beine“. Der Föhn ging erneut an, ich bekam die volle Dröhnung ins Gesicht und liess sie endlich alleine.

Während Tara sich fertig machte, sass ich zusammengesunken auf ihrem Sofa und whatsappte meinem besten Freund. Bro, schrieb ich, jetzt hab ich’s endgültig verbockt …. Sven war gerade online und antwortete prompt: Mit Tara? Was hast denn jetzt wieder angestellt?

Bin ihr ins Bad gefolgt und hab gesagt sie hat schöne Beine.

Und sie?

Hat mich weggeföhnt.

???

Umständlich versuchte ich ihm zu erklären, was passiert war, erwähnte auch den Typen aus der 3, schliesslich war der ja an allem schuld, schickte ein händeringendes Smiley und dann noch ein paar verzweifelte. Sven schickte mir einen Kackhaufen. Haha, antwortete ich und beobachtete wie Sven tippte. Ganz lange. Als Tara aus dem Bad kam, sich zu mir setzte und die Beine demonstrativ lasziv vor mir übereinander schlug, schrieb Sven immer noch. Ich steckte das Handy ein und sah beschämt zu Boden. „Was wolltest du mir sagen?“ fragte Tara mit einem aufgesetzten Lächeln. Offensichtlich hatte sie sich dazu entschlossen, zum Angriff überzugehen und mir mein Fehlverhalten so unter die Nase zu reiben, ganz nach dem Motto: wer nicht hören will muss fühlen. Und ich fühlte. Jede Faser in mir schämte sich. Ich räusperte mich, setzte zu einer Entschuldigung an, brach ab und faltete stattdessen die Hände im Schoss. Ein paar Sekunden verharrten wir so, Taras verärgerter Blick auf mich, meiner zu Boden gerichtet. Dann vibrierte es in meiner Hosentasche und ich zuckte zusammen.

„Was ist bloss los mit dir heute?“ fragte Tara und ging in die Küche.

„Nichts“, sagte ich indem ich das Handy hervorkramte, „es ist nur dieser Typ aus der 3.“

„Was ist mit dem?“

Also wenn du die Frau je wiedersehen willst, dann musst du dich echt ins Zeug legen …

„Der spinnt doch oder?“ sagte ich abwesend.

… hättest sie ja auch einfach küssen können …

„Warum meinst du?“

… statt blöd rumzustammeln, darauf stehen Frauen nicht …

„Ach nee“, sagte ich.

„Was ach nee?“ fragte Tara, die plötzlich wieder vor mir stand.

„Hab ich das laut gesagt?“

„Wenn ich’s gehört hab, hast du’s wohl gesagt, nicht?“

Sie reichte mir ein kühles Bier und setzte sich wieder zu mir. Ich trank einen Schluck, versuchte lässig zu wirken.

… und übrigens, das Tesla Model 3 gibt’s ab Februar auch bei uns, yes! …

„Wem schreibst du?“

„Ach, Sven hat mal wieder Frauenprobleme“, winkte ich ab und steckte das Handy wieder ein.

„So? Der sieht doch so gut aus, wie kann der denn Probleme haben?“

Autsch. Das hatte gesessen. Der Blick, den Tara mir dabei zuwarf auch.

„Also der Typ aus der 3“, versuchte ich abzulenken, „kennst du den?“

„Woziak? Der ist ja kaum zu übersehen.“ Tara lehnte sich zurück und legte die Füsse hoch.

„Der denkt, er sei Gott“, sagte ich und presste ein Lachen hervor.

„Lass den halt schwafeln“, winkte Tara ab, „was ist denn jetzt mit Sven? Kann ich helfen?“

Kurz überlegte ich, wie ich aus der Nummer wieder rauskam, entschied mich dann aber dafür, einfach weiter zu flunkern. Vielleicht konnte ich das Blatt ja noch wenden. Wunder soll es ja immer wieder mal geben. Und wenn nicht: Kollateralschaden.

„Also der steht auf seine Nachbarin. Der Sven. Und … Also irgendwie kriegt er das halt nicht auf die Reihe, mit ihr zu flirten.“

„Echt jetzt? Warum denn nicht?“

„Ich weiss nicht. Irgendwie kommt da immer was dazwischen.“ Ich versuchte ihrem Blick noch immer auszuweichen, blieb dann aber doch daran hängen. „Es ist wie verhext, weisst du“, fuhr ich fort und vergass beinah, dass ich vorgab, von jemand anderem zu reden, „er mag sie und sie ihn auch. Also das glaubt er zumindest. Aber immer wenn er versucht, sich ihr zu nähern, geht’s irgendwie daneben. Dabei passen die ganz gut zusammen. Sie kennen sich auch schon lange und … naja … es ist irgendwie Schicksal.“

Einen Moment lang sahen wir einander in die Augen ohne etwas zu sagen. Plötzlich schien sie mir greifbar nahe. Tatsächlich brauchte ich nur eine Hand nach ihr auszustrecken oder mich zu ihr hinüberzulehnen und es käme praktisch wie von selbst zu einem Kuss. Ja, plötzlich war alles möglich, denn auch sie verharrte in diesem Moment. Sie hatte sich mir zugewandt, sass in einem lockeren Schneidersitz vor mir. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt spielte sie gedankenverloren mit ihren Haaren. Das tat sie sonst nie. Sie schien jetzt auch gar nicht mehr sauer zu sein sondern wirkte ganz ruhig.

„Ich glaube, er ist ein bisschen in sie verknallt“, sagte ich leise und spürte wie mir langsam warm wurde. Sie hielt meinem Blick weiterhin stand und legte mir eine Hand auf den Oberschenkel.

„Dann muss er halt Nägel mit Köpfen machen. Der Sven.“

„Meinst du?“

Fast schon hatte ich mich dazu entschlossen, es einfach zu wagen. Tara nickte, rückte sogar etwas näher. Ich legte eine Hand an ihre Wange, zuckte dann aber erneut zusammen. In meiner Hosentasche hatte es wieder zu surren begonnen. Diesmal war es aber keine Nachricht sondern ein Anruf. Erst versuchten wir, es zu ignorieren, aber wer auch immer da mit mir sprechen wollte, liess es unerhört lange klingeln. „Du solltest rangehen“, sagte Tara und der Moment löste sich in Nichts auf. Ich schaute aufs Handy, drückte Sven weg und verabschiedete mich. Tara brachte mich zur Tür und fragte noch, ob Svens Nachbarin denn auch schöne Beine habe. Ich nickte, räusperte mich, flüchtete in meine Wohnung gleich gegenüber und schickte Sven einen Kackhaufen.


Teil 1 “Sorry über Instagram” (von Odeon)

 

 

 

 

7 thoughts on “Sorry, Greg, das Leben gibt’s nur scheibchenweise – Teil 2

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