Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 1: Warum Frauen immer kalte Füsse haben

Dies ist der erste Teil einer Reihe Kurzgeschichten, die Anfang 2018 abwechslungsweise hier bei mir und im Odeon Theater präsentiert wurde. Eigentlich ist es ja immer das Gleiche mit diesem Woziak, aber irgendwie eben doch nicht …

Im Stockwerk über mir wohnt Gott. Er heisst Woziak. Eigentlich sieht er gar nicht wie Gott aus, sondern wie eine abgemagerte Version von Karl Marx. Die meiste Zeit trägt er grobe Rippunterhemden und dunkelblaue Jogginghosen. Er hat eine brummige Stimme und riecht wie ein Schnapsladen.

Wir treffen uns eigentlich immer nur im Treppenhaus. Meistens in der Kehrwoche. Ich habe schon versucht, ihm auszuweichen. Aber dann kommt er trotzdem auf mich zu, stösst mich zum Beispiel mit dem Ellbogen an und meint “Der Adam war echt ein Idiot, nicht wahr?”. Unsere erste Unterhaltung, wenn man es denn eine Unterhaltung nennen kann, begann ganz genau so.

“Der Adam war echt ein Idiot, nicht wahr?” sagte Woziak zu mir, während ich geradezu andächtig meine Rechnungen studierte, die ich eben aus dem Briefkasten geholt hatte. Ich versuchte beschäftigt auszusehen und wenn ich gekonnt hätte, wäre ich auch gleich wieder die Treppe nach oben gegangen und in meiner Wohnung verschwunden. Zwar war die weder besonders gross noch besonders schön, doch mir wäre es weitaus lieber gewesen, die vergilbte Tapete in meinem Wohnzimmer zu betrachten, die sich langsam von der Wand abzulösen begann, als mir im Treppenhaus den Allerwertesten abzufrieren und mit diesem Verrückten zu diskutieren. Der hatte mir aber bereits den Weg abgeschnitten, indem er sich demonstrativ in die Mitte der drittuntersten Treppenstufe gesetzt und sich dort ausgebreitet hatte. Dass eine so hagere Person so viel Raum einnehmen konnte, überraschte mich.

„Weisst du, wenn der Adam seine Alte damals besser unter Kontrolle gehabt hätte, dann wären wir jetzt nicht hier, du und ich,“ sagte Woziak, während er über seinen struppigen Bart strich.

„Hier im Treppenhaus?“ fragte ich irritiert und steckte die Rechnungen wieder in ihre Umschläge.

„Ja, hier im Treppenhaus,“ sagte er, „warum auch nicht? Hier, überall, wo du willst.“

„Ich fürchte ich kann dir nicht folgen.“ Der hatte sie doch nicht alle.

„Das war so eigentlich nicht angedacht, nur damit du’s weisst.“

„Wovon redest du?“

„Na, von den Frauen natürlich. Die Eva war doch nur so ein Nebengedanke. Aber nein, dieser Tölpel konnte einfach nicht von ihr lassen. Einmal kurz die Brüste gezeigt und schon war der Typ von ihren weiblichen Reizen komplett benebelt. So war das nicht geplant. Aber gut, wollen wir mal nicht so sein. Ein bisschen Nachsicht schadet ja nicht. Aber wenn ich mir so ansehe, wo wir heute eben stehen, dann frage ich mich schon, ob das eine gute Idee war.“

„Worauf willst du hinaus?“ fragte ich resigniert. Das konnte noch eine Weile dauern, aber sollte der doch reden. Offensichtlich hatte er ein sehr starkes Mitteilungsbedürfnis.

„Sieh dich doch an, zum Beispiel,” sagte er, “Ein kompletter Loser und warum?“ Erst dachte ich, es sei eine rhetorische Frage, doch Woziak hielt inne und schaute mich erwartungsvoll an.

„Ich bin kein Loser,“ sagte ich und versuchte dabei selbstsicherer zu wirken als ich es eigentlich war.

„Doch,“ sagte Woziak und lachte kurz auf, „doch, bist du. Deine Frau hat dich doch komplett unter dem Pantoffel, nicht?“ Ich schluckte. Woher wusste der das denn? Diesmal wartete er keine Antwort ab und fuhr sogleich fort: „Das tut mir leid für dich. Wirklich. Wenn ich könnte, würde ich dir auch gerne aus dieser Misere raushelfen, aber das geht ja nicht. Diese Frauenzimmer haben die Welt so dermassen fest im Griff. Nehmen wir die Merkel, zum Beispiel. Trägt sogar Männerkleidung. Sowas gibt es heutzutage. Gehirnwäsche machen diese Frauen mit ihrer Schmusepolitik und ihrem Harmoniebedürfnis. Dabei stiften sie ja selbst nur Unruhe. Nach aussen machen sie einen auf Maria, aber innerlich, das sage ich dir, sind das alles verkappte Evas. Hast du schon mal was von Galenus gehört?“

„Von wem?“ Die Frage war mir so rausgerutscht. Eigentlich wollte ich mich auf ein solch schwachsinniges Gespräch gar nicht einlassen. Doch wie dieser Typ so vor mir sass, so ganz selbstverständlich, sich immer wieder über den Bart strich und vor sich hin stank, konnte ich irgendwie nicht anders. Er mochte zwar recht abstossend sein, aber er hatte etwas, dieser Marxverschnitt. Kurz überlegte ich, ob er es denn sein könnte, wiedergeboren vielleicht. Ich begann zu rechnen, verwarf den Gedanken aber bald wieder. Nein, das war es nicht, was mich fesselte an diesem unmöglichen Kerl. Da war vielmehr etwas in seinen Augen, das mich faszinierte. Es war mir nie zuvor aufgefallen, aber da funkelte etwas und je länger ich seinem Blick standhielt, desto mehr hatte ich das Gefühl, mich darin zu verlieren. Das Blau seiner Augen war unglaublich tief. Oder war es eher ein Grün? Ich konnte mich nicht festlegen, einigte mich deshalb auf blau-grün. Die Farbe des Meeres oder so.

„Galenus,“ wiederholte Woziak und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich schüttelte den Kopf. „Mein lieber Mann,“ sagte er mit erhobenem Zeigefinger, „du solltest wirklich mehr lesen.“ Ja, das sollte ich, dachte ich. „Galenus war Grieche und wie viele Griechen ein ganz grosser Denker. Das macht das Klima. Und das Ölivenol, aber egal. Galenus sagte, dass der weibliche Körper kälter sei als der männliche. Der menschliche Verstand benötige aber ausreichend Körperwärme, um sich richtig ausbilden zu können. Ist dir schon mal aufgefallen, wie Frauen immer kalte Füsse haben?“ Mir war völlig schleierhaft, worauf der jetzt hinaus wollte, nickte aber einfach mal. Das mit den kalten Füssen ist nämlich wahr. Meine Frau liebt es, mich beim Einschlafen mit ihren Eiszapfenfüssen zu foltern.

„Da hast du’s,“ sagte Woziak zufrieden, „Wenn Frauen nicht einmal ihre eigenen Füsse warm halten können, wie sieht’s dann wohl im Oberstübchen aus? Da weht ein ziemlich kalter Wind, sage ich dir. Die Eva, die wusste das. Nachdem sie vom Baum der Erkenntnis genascht hatte, wusste sie es. Noch heute wissen die Frauen das und kompensieren mit ihrem Liebreiz, ihrem Charme, ihrem Sexappeal, ihrer Fürsorglichkeit. Und die Männer fallen darauf herein. Seit Jahrhunderten geht das schon so, nicht wahr? Und was haben wir heute davon? Die Frauenwelt hat sich emanzipiert. Und diese Emanzipation propagieren sie als Befreiungsschlag aus dem sie unterdrückenden Patriarchat. Das klingt alles so schön, nicht wahr? Richtig kuschelig klingt das, als gäbe es dabei nur Gewinner. Nur, seien wir ehrlich, ist es eben keine win-win Situation. Des einen Sieg ist immer eines anderen Niederlage, das war schon immer so. Da kann der liebe Luzifer auch ein Lied von singen. Der war ganz schlau, muss ich sagen. Hätte sich ja auch den Adam aussuchen können, aber die Eva war da die deutlich bessere Wahl, das sehen wir ja eben heute. Der Baum ihrer Erkenntnis trägt Früchte und die schmecken für die Männerwelt doch recht bitter.“

Inzwischen war Woziak aufgestanden und hätte mich passieren lassen, wenn ich noch immer gewollt hätte. Nur wollte ich gar nicht mehr vor ihm flüchten. Jetzt war ich neugierig geworden. Trotzdem versuchte ich, mir das nicht anmerken zu lassen. „Naja,“ stammelte ich, „so schlimm ist es doch gar nicht.“

Woziak lachte. Es war ein sanftes, beinah väterliches Lachen. Ein klein wenig erinnerte er mich plötzlich an den Weihnachtsmann mit seiner brummigen Stimme und dem Bart, auch wenn er sonst so gar nicht danach aussah. Gut, was machte der Weihnachtsmann eigentlich im Sommer? Womöglich trug er tatsächlich dunkelblaue Jogginghosen und stand bei mir im Treppenhaus, wer wusste das schon? Je länger ich ihm zuhörte, desto mehr traute ich ihm zu. Entweder war er tatsächlich Marx oder der Weihnachtsmann auf Urlaub. Beides konnte ich mir vorstellen. Auch eine dritte Möglichkeit drängte sich mir langsam auf, aber nein, das ging dann doch zu weit.

„Du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen,“ sagte Woziak noch immer mit einem Schmunzeln im Gesicht, „dass diese Früchte für dich süss schmecken? Klar, ich verstehe schon. Auch deine Frau hat ihre Reize. Sie hat wirklich sehr schöne Kurven, aber jetzt mal im Ernst. Die manipuliert dich doch. Merkst du nicht, wie sie dich um den Finger wickelt? Denk nur mal an die letzten Abstimmungen. Hat sie dich da nicht dazu gebracht, so zu stimmen wie sie es wollte?“

„Nein, das würde ich so nicht sagen,“ sagte ich, erneut um Bestimmtheit bemüht, „ich wollte so abstimmen.“ Wieder schüttelte ich den Kopf, hätte aber nicht zu sagen vermocht, ob es war, um meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen oder weil ich insgeheim wusste, dass Woziak recht hatte. Es war tatsächlich so gewesen, dass meine Frau mich tagelang bearbeitet hatte, wieder und wieder mit mir diskutieren wollte bis ich mich mit einem Ja auf meinem Stimmzettel schliesslich auch zur „Ehe für alle“ bekannte. Grundsätzlich hatte ich ja nichts dagegen gehabt, aber ich hatte mich enthalten wollen. „Das geht mich nichts an,“ hatte ich gesagt, „sollen die dazu ihre Meinung äussern, die es betrifft.“ Trotzdem liess meine Frau nicht locker. Nur woher wusste Woziak das? Hatte sie es ihm etwa erzählt? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen.

„Wie würdest du es dann sagen?“ fragte er und sah mich belustigt an, „Es ist doch so. Frauen haben in der Politik eigentlich nichts zu suchen. Es ist ja völlig klar, wo das hinführen wird. Das haben wir vom Frauenstimmrecht. Tja. Jetzt geigen die Frauen uns ganz schön die Meinung und dies nicht nur im Schlafzimmer. Nein, sie stürmen die Bühnen, Kanzeln und Rednerpulte dieser Welt, spielen uns was vor, kanzeln uns ab und diktieren eben den politischen Diskurs. Und der einzige, der sich dagegen zu wehren wagt ist dieser amerikanische Hanswurst. Ich mag ihn ja auch nicht besonders, aber der hat schon was. Nur sehen die wenigsten, was er da eigentlich leistet. Er beleuchtet die Dinge nämlich neu. Der schert sich einen Dreck um das Deckmäntelchen der politischen Korrektheit und der Gender Neutralität. Der ist eben nicht auf Kuschelkurs. Dieses Deckmäntelchen ist doch nichts weiter als ein Marienkostüm, das sich die Frauenwelt aus der Leichtgläubigkeit der Männer geschneidert hat. Das sieht der schon richtig. Alles Evas, glaube mir. Ich weiss das.“

Woziak schwieg und auch mir hatte es die Sprache inzwischen ganz verschlagen. Diese Unterhaltung war völlig unsinnig und Woziaks Argumente an den Haaren herbeigezogen, so viel war mir klar. Trotzdem glaubte ich ihm aufs Wort. Es frustrierte mich, mir das einzugestehen, aber er hatte recht. Meine Frau hatte tatsächlich kalte Füsse, trug zuweilen ein Marienkostüm und redete oft ohne Punkt und Komma auf mich ein. Ja, sie hatte mich um den Finger gewickelt mit ihren schönen Kurven, schleichend, aber stetig.

Woziak und ich sahen uns noch eine Weile schweigend an und ich verstand plötzlich, warum ich mich nicht von ihm hatte lösen können. Dieses Gequatsche von Adam und Eva und bitteren Früchten und die Selbstverständlichkeit, mit der er all dies von sich gab; das alles war so abstrus und gleichzeitig so einleuchtend, dass es für mich nur noch einen einzigen Schluss gab. Ich hatte es hier weder mit Marx noch mit dem Weihnachtsmann zu tun. Nein, dachte ich, im Stockwerk über mir wohnt Gott und der ist komplett irre.


Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 3: Spartaner und Barbaren

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 5: Für mehr fussgängerfreie Zonen

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 7: Warum Woziak trinkt

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 9: Warum die Eiskappen schmelzen sollten

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 11

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