Briefe an meinen Mann 12

Die Zeiten meines Lebens

Jetzt ist es bald 12 Jahre her, dass ich beim Marzilibähndli auf dich gewartet habe. Weisst du noch? Darauf folgte, wie ich im zweiten Brief beschrieben habe, die Zeit meines Lebens. Heute noch blicke ich auf die ersten Wochen mit dir zurück und erlebe die Erinnerungen daran als etwas Märchenhaftes. Nur habe ich inzwischen festgestellt, dass es nicht die Zeit meines Lebens war, sondern die erste. Denn was du und ich gerade erleben hat seinen ganz eigenen Zauber.

Während ich diese Zeilen schreibe, schaue ich in das Gesichtchen unseres Sohnes und empfinde grenzenlose Liebe für dieses kleine Menschlein. Ich weiss, er hat uns nächtelang wachgehalten, uns angepinkelt und absichtlich ganze Tassen Milch auf den Küchenboden ausgeleert. Doch dies ist einer dieser Momente, in denen nichts davon meine Freude über ihn trüben kann. Und wenn er abends in seinem Bettchen liegt und wir noch einmal bei ihm vorbeischauen, bevor wir selber schlafen gehen, dann spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit dir. “Schau mal, den haben wir gemacht. Ist das nicht unglaublich?” sage ich dann manchmal. “Ja,” antwortest du und streichst mir zärtlich über den Rücken, “haben wir gut hingekriegt.” Schweigend betrachten wir ihn noch ein paar Atemzüge lang und platzen fast vor Stolz.

Anfangs waren wir eher nervöse Eltern und manche sagen, dass wir das noch heute sind, aber unser kleiner Spross wächst und gedeiht, lacht und geniesst das Leben in vollen Zügen. Freudig beobachten und begleiten wir ihn bei jedem Schritt. Kürzlich hat er zum Beispiel Fahrrad fahren gelernt. Er war so unglaublich ehrgeizig und sein Wille dermassen gross, dass er jeden Tag üben wollte. Viele Male ist er hingefallen, hat sich aber immer wieder aufgerappelt, sich den Staub von der Hose geklopft und weitergemacht. Er ist noch keine drei Jahre alt und lehrt uns bereits, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will. Wie sein Wille kennt auch seine Fantasie noch keine Grenzen. Neulich sind wir mit dem Schaukelpferd auf dem Spielplatz nach Afrika geritten und haben in der Savanne ein Zebra verarztet. Elefanten und Giraffen haben wir auch gesehen, stell dir vor! All dies mit dir zusammen zu erleben empfinde ich trotz aller Anstrengung und aller Müdigkeit, die die Elternschaft unweigerlich mit sich bringt, als grosses Glück. Die Zeit, die wir gemeinsam mit unserem Sohn verbringen dürfen ist sozusagen die zweite Zeit meines Lebens. Es ist die Zeit meines Lebens mit euch. Und dafür danke ich dir.


Briefe an meinen Mann 1

Briefe an meinen Mann 2

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Briefe an meinen Mann 11

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