Briefe an meinen Mann 11

Einmal mehr möchte ich dir danken. Diesmal für die zahlreichen Gespräche, die wir in letzter Zeit miteinander geführt haben. So gut und ehrlich haben wir uns schon lange nicht mehr unterhalten. Ein bisschen entdecken wir uns gerade neu, jeder für sich, aber auch wir uns als Paar. Ich werde dir alles erzählen, was du wissen willst, denn es gibt nichts, was ich vor dir verbergen würde. Jetzt nicht mehr. Früher war das anders, weisst du noch? Früher habe ich zum Beispiel heimlich geschrieben, wenn du nicht da warst. Warum ich dir davon nie erzählt habe, weiss ich eigentlich auch nicht. Wahrscheinlich dachte ich, meine Texte wären nicht lesenswert, nicht gut genug. Heute denke ich das nicht mehr. Ja, ich weiss, Eigenlob stinkt, aber darum geht es mir gar nicht. Du hast mir nur gezeigt, dass dich meine Gedanken, mein Innerstes, interessieren, dass du wissen willst, was mich umtreibt und mich zu dem Menschen macht, der ich bin. Jeden Tag aufs Neue lässt du mich wissen, dass du mich annimmst so wie ich bin, mit all meinen Ecken und Kanten, meinen Ängsten und Sorgen, meinen Wünschen und Sehnsüchten.

Gewissermassen haben wir unsere alten Ichs losgelassen und unsere neuen, älteren, reiferen, andersdenkenden, andersgewordenen Ichs willkommen geheissen. Das ist nicht selbstverständlich. Es hätte uns ebenso gut nicht gelingen können. Allzu oft hängen wir an anderen Menschen so wie sie einmal waren. „Früher warst du nicht so!“ Wie oft habe ich dir diesen Satz schon gesagt? Dabei ist das mit der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann. Natürlich warst du früher nicht so. Wir alle waren früher anders. Wir alle verändern uns, lernen dazu, entwickeln uns, wollen Erfahrungen machen, bewegen uns nicht immer in die gleiche Richtung. Wenn wir stehen bleiben, gibt es kein Vorwärtskommen. Stillstand ist die Warteschleife des Lebens.

Ich will nicht, dass du warten oder im Kreis gehen musst. Ich will, dass du dich entfalten kannst. Du sollst frei sein. Denn so liebe ich dich am meisten. Natürlich setzt uns das Leben, die Verantwortung für uns selbst und andere, immer wieder Grenzen. Das ist normal. Und doch will ich es dir nicht unnötig schwer machen. Du willst das umgekehrt auch nicht. Und dafür danke ich dir. Ich freue mich auf weitere Gespräche mit dir, auf ein gemeinsames Vorwärtsgehen, wo auch immer die Reise hinführt.

In den Worten Kurt Martis:

wo chiemte mer hi?

wo chiemte mer hi

wenn alli seite

wo chiemte mer hi

und niemer giengti

für einisch z’luege

wohi dass me chiem

we me gieng

(Marti, Kurt. ‘Wo chiemte mer hi?’: Sämtlechi Gedicht ir Bärner Umgangssprach. Hrsg. Andreas Mauz. Zürich: Nagel & Kimche, S. 26)


Briefe an meinen Mann 1

Briefe an meinen Mann 2

Briefe an meinen Mann 3

Briefe an meinen Mann 4

Briefe an meinen Mann 5

Briefe an meinen Mann 6

Briefe an meinen Mann 7

Briefe an meinen Mann 8

Briefe an meinen Mann 9

Briefe an meinen Mann 10

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