Paris, je t’aime: Die Irrwege des Charles Leroy (3)

Dies ist der dritte Teil einer Fortsetzungsgeschichte, die abwechslungsweise im Odeon Theater und hier auf Härzenswort erscheint.

Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2

Und so geht es weiter:

(…) Goudrain hatte ihm aufgetragen, das Kästchen einfach abzulegen und dann fort zu gehen. Er bräuchte nicht einmal zu überwachen, ob es in Empfang genommen wurde und von daher brauchte er nicht einmal zu wissen, für wen die Sendung gedacht war.

„Wenn ich nicht von dir wissen muss, ob sie es erhält, musst du auch nicht wissen, wer sie ist.“, hatte Goudrain ihm gesagt und damit immerhin verraten, dass es eine „Sie“ und kein „Er“ sein musste. Nun hatte Goudrain aber noch weiterhin viel Geheimnis um die Sache gemacht. Er hatte ihm verboten, sich auf dem Platz nach der Ablage herumzudrücken. Es war untersagt, der Frau zu spionieren. Und es war untersagt, weitere Fragen zu stellen. Selbstverständlich auch das Spionieren in den Kasten wurde verboten, sogar unter Strafe gestellt.

Goudrain hätte tatsächlich besser daran getan, so wenig Worte als üblich über diesen Transfer zu verlieren. Am besten hätte er nichts weiter zu Charlot gesagt, als dass er das Kästchen abzulegen habe und Charlot wäre nie auf die Idee gekommen, dass diese Geschichte weit mehr an Bedeutung zukam wie all die Sendungen zuvor. Von daher legte Charlot das Kästchen zwar auf den Sockel, doch setzte er sich daneben.

Charlot fror bis auf die Knochen, umklammerte seinen kleinen, zittrigen Leib mit beiden Armen und wartete. Er beobachtete wie die Laternen rings um den Platz angezündet wurden, wie eine nach der anderen die Dunkelheit zu erhellen begann, gleichzeitig aber auch weitere Schatten auf die groben Pflastersteine zeichneten. Noch einmal blickte er zum Elefanten hinauf und merkte plötzlich, dass sich ein ungutes Gefühl in ihm ausbreiten wollte. Er wusste zwar nicht um des Elefanten imperiale Symbolik und konnte auch nicht ahnen, dass er niemals so über dem Place de la Bastille thronen würde wie es dem Architekten Alavoine vorgeschwebt war. Trotzdem spürte Charlot instinktiv, dass hier Mächte am Werk waren, die nicht einmal der grosse Napoleon selbst hatte beherrschen können. Plötzlich erschien ihm dieser königliche Elefant nicht als Sinnbild der Macht sondern des Untergangs. Ohne es in Worte oder gar greifbare Gedanken fassen zu können, bekam Charlot die Ironie des Schicksals in diesem gloriosen Bauwerk zu spüren, welches ausgerechnet hier an diesem Platz hätte errichtet werden sollen, aber nie errichtet werden würde. Jeder kann einmal König sein, dachte Charlot einmal mehr, erinnerte sich zugleich aber auch daran, dass jeglicher Erfolg und jegliche Stärke vergänglich waren.

So verharrte Charlot auf dem Sockel des unvollendeten Brunnens bis ihn eine plötzliche Bewegung in seinem Augenwinkel aus den Gedanken riss. Er sah sich um und stellte erschrocken fest, dass das Kästchen verschwunden war. Charlot stand auf und liess seinen Blick über den Platz schweifen. Trotz Regen und Dunkelheit konnte er eine vermummte Gestalt ausmachen, die sich langsam und doch merkwürdig gehetzt von ihm fort bewegte. Ohne zu überlegen folgte ihr Charlot weit durch die nächtlichen Strassen, durch verwinkelte Gassen, die er nicht kannte, folgte ihr über Treppen, die hinauf und hinunter führten, bis sie schliesslich vor einem heruntergekommenen Haus stehenblieb. Sich in einem dunklen Winkel versteckt haltend beobachtete Charlot wie die Gestalt sich vorsichtig umsah, das Kästchen vor der Tür ablegte, einen kleinen Stein ans Fenster warf und davon eilte.

Charlots Herz pochte. Er wusste zwar nicht, was sich in dem Kästchen verbarg, doch er war sich sicher, dass er im nächsten Augenblick erfahren würde, für wen es bestimmt war. Tatsächlich öffnete sich die Tür einen Spalt breit, jemand schlüpfte hinaus, nahm das Kästchen an sich und verschwand wieder im Innern des Hauses. Es hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber Charlot hatte sie im Schein der Kerze, die sie in einer Hand gehalten hatte, ganz genau gesehen. Alles an ihr hatte er auf einen Blick wahrgenommen, jedes Detail in sich aufgesogen. Die nackten Füsse, die Wölbung ihrer Brüste unter dem hauchdünnen und halb transparenten Nachtgewand, die unbändigen, roten Locken, die sich über ihren Rücken ergossen. Charlot hatte keine Ahnung, wer sie sein mochte, aber zum ersten Mal verspürte er so etwas wie Verlangen. Er war noch zu jung, um dieses Gefühl, dieses Kribbeln in seinem Bauch einordnen zu können, doch Zeit seines Lebens würde er sich an diesen Moment erinnern. Langsam trat er aus seinem Versteck hervor. Niemals hätte er gedacht, dass sich in so einem Haus ein derart zartes Wesen verbergen konnte.

Vorsichtig trat er ans Fenster und lugte hinein. Die junge Frau stand direkt vor ihm, das Kästchen offen auf einem groben Holztisch vor ihr. Sie hielt ein Blatt Papier in der einen Hand und strich mit der anderen sanft über etwas, das noch immer im Kästchen verborgen lag. Was auch immer es sein mochte, es schien ihr zu gefallen. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Sie zuckte zusammen, schloss das Kästchen, öffnete das Fenster und warf es hastig hinaus. Wenn Charlot nur ein Stückchen grösser gewesen wäre, hätte sie ihn damit am Kopf getroffen. So hatte er sich aber gerade noch rechtzeitig ducken und flach an die Hauswand drücken können.

„Was machst du denn da?“ hörte er eine tiefe Männerstimme fragen.

„Nichts, ich brauchte nur etwas frische Luft,“ stammelte sie. Die Lüge war deutlich zu hören und Charlot ahnte Böses.

„Und was ist das hier?“ fragte der Mann. Dann hörte Charlot das Rascheln von Papier, ein Grunzen, ein hämisches Lachen und schliesslich Gerangel. Die Frau gab einen spitzen Schrei von sich, Charlot fuhr herum und blickte mit weit aufgerissenen Augen durchs offene Fenster. Erst Jahre später begriff er, was er in jener Nacht beobachtete. Dennoch wusste er schon damals, dass es nichts Gutes war. Das zarte Verlangen, das er eben noch verspürt hatte wich einem Gefühl von Angst und Übelkeit. Die Frau lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, das Gesicht zu Charlot gewandt, und weinte, während der Mann hinter ihr stand, immer wieder sein Becken an ihren Hintern presste und dabei schwer atmete. Ihr Blick war direkt auf Charlot gerichtet, doch sie nahm ihn nicht wahr. Ihre Augen waren leer und ausdruckslos. Als der Mann schliesslich von ihr abliess und aus Charlos Blickfeld verschwand, schloss sie die Augen und Charlot sank draussen vor ihrem Fenster in sich zusammen. Das Kästchen lag vor ihm auf dem regennassen Boden. Der Deckel war aufgesprungen und er erkannte einen Ring, den er zuvor an einer Kette um Goudrains Hals gesehen hatte. Jeder wusste, dass dieser Ring seiner verstorbenen Frau gehört hatte, um die er seit Jahren trauerte. Doch niemand ausser Charlot wusste, wem er jetzt gehören sollte. Er nahm das Kästchen mit und versteckte es unweit ihres Hauses in einer Mauerspalte.

Als er am nächsten Tag bei Goudrain vorsprach, sah er den kleinen Pelikan plötzlich in einem anderen Licht. Er sah über seine ungewöhnliche Statur und seine Autorität als père du quartier hinweg und erkannte den Menschen in ihm. Vor ihm stand ein Mann, dem die Verletzlichkeit ins Gesicht geschrieben stand und Charlot kam nicht umhin, tiefes Mitgefühl für ihn zu empfinden. Goudrain fragte nicht nach dem Botengang und Charlot schwieg. Am selben Abend schlich sich Charlot jedoch noch einmal zu dem Haus, fest entschlossen, Goudrains Geliebten das Kästchen mit dem Ring trotz aller Widrigkeiten erneut zukommen zu lassen. Doch als er in die schmale Gasse einbog, die zu ihrer Tür führte, blieb er erschrocken stehen. Ihre Leiche, nur spärlich mit einem groben Leintuch bedeckt, lag auf einem alten, wackeligen Karren, der von zwei Gendarmen an ihm vorbeigezogen wurde. „Sie hat sich umgebracht,“ sagte eine alte Frau, die von Charlot unbemerkt an ihn herangetreten war, „eine Schande ist das. Sie war so ein hübsches Ding.“

Charlot schluckte die Tränen hinunter, die aus ihm hervorquellen wollten, holte das Kästchen aus seinem Versteck und brachte es Goudrain. Noch bevor dieser ihn für seinen Ungehorsam bestrafen konnte, erzählte ihm Charlot, was er am Vorabend als stiller Beobachter miterlebt hatte und auch davon, dass er zu spät gekommen war, um ihr den Ring wieder zurückzugeben. Dann beobachtete er wie Goudrain zusammenbrach. Er weinte und schluchzte, dass es Charlot Angst und Bange wurde. Noch nie hatte er einen erwachsenen Mann so klein und schwach gesehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit blickte Goudrain zu ihm hoch und dankte ihm. „Merci, mon ami,“ sagte er. Diese Anerkennung erfüllte Charlot mit Stolz und der Schmerz, den er eben noch mit Goudrain geteilt hatte, wich einem Gefühl von Wärme und grenzenloser Loyalität. Keiner der beiden brauchte mehr etwas zu sagen, denn es war auch ohne Worte klar, dass sie einander durch diese Geschichte für immer verbunden sein würden. Charlot schwor Goudrain innerlich ewige Treue, während Goudrain ihn zu seinem ganz besonderen protégé erklärte.

2 thoughts on “Paris, je t’aime: Die Irrwege des Charles Leroy (3)

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