Paris, je t’aime: die Irrwege des Charles Leroy

Dies ist das erste Kapitel einer Fortsetzungsgeschichte, die abwechslungsweise im Odeon Theater und hier auf Härzenswort erscheinen wird. 

 

Allein vom Zuschauen war das Spiel der Jungen nicht zu verstehen. Ein paar versteckten sich unterm Tisch. Als sich die anderen näherten, sprangen die unter dem Tisch hervor und krächzten „Liberté“, einer sagte mit in die Hüften gestemmten Armen „Für das Volk!“ und schon wurde miteinander gerungen. Ein paar Knaben fielen wie tot um, andere wurden abgeführt. Und einer stand auf dem Tisch und rief Parolen, die durch Mark und Bein gingen: „Hängt sie an die Laternen!“ oder „Zur Guillotine!“ Wenn es einer von den Angreifern, den Revoluzzern, bis zum Tisch geschafft hatte, so musste der Junge vom Tisch, der König, herunter, er musste seinen Kopf auf den Tisch legen und ein anderes Kind klatschte mit der flachen Hand daneben auf die Platte und rief: „Kopf ab!“ Dann wurde getauscht. Ein neuer König stand auf dem Tisch. Die Revoluzzer saßen jetzt unter dem Tisch. Eine neue Runde begann. „Was spielt ihr da?“, wollte der Neue zwischen zwei Runden wissen. Der Junge, der gerade „seinen Kopf verloren“ hatte, richtete sich unversehens auf und fragte: „Wer bist du denn?“ „Charlot!“, antwortete der Neue. „Soso. Wir spielen Revolution.“, er sagte es auf eine sehr harte Art, dass einem fast Angst werden mochte. „Und was ist das?“ Die Kinder von unter dem Tisch kicherten. Die, die gerade Revoluzzer waren, stellten sich stolz in eine Reihe hinter den Geköpften. “Er weiß nicht, was Revolution ist!“, lachte der Geköpfte. Die anderen fielen ins Lachen ein. Sie hatten zu spotten begonnen, riefen ihm nach, dass er dumm sei. „Weißt du wenigstens, was eine Guillotine ist? Oder ein Revolutionär?“ Da Charlot den Kopf schüttelte und ganz lila an den Wangen geworden war, lachten die Revoluzzer und auch der König lachte: ganz Frankreich lachte ihn aus.

Am nächsten Tag beobachtete Charlot das Treiben erneut, allerdings stand er dabei im Türrahmen und traute sich nicht mehr in die Nähe dieses blutrünstigen Schauspiels. Charlot wusste zwar nicht, was eine Revolution war und er wusste auch nicht, was eine Guillotine war, aber er wusste sehr wohl, was Gewalt war, theoretisch zumindest. Es war etwas, das man nicht tun durfte. Auch „Kopf ab“ verstand er, hatte er in der Kirchenbibel doch ein Bild von Judith und der Enthauptung des Holofernes gesehen. Dennoch hatte er keine Vorstellung davon, was eine Hinrichtung war und was Menschen dazu bewegte, nach anderer Menschen Blut zu dürsten. Noch nie hatte er Rachegelüste verspürt oder Hass empfunden. Gleichzeitig war er aber auch noch nie verliebt gewesen und hatte noch keine körperliche Lust erlebt wie es die meisten Jungen in seinem Alter bereits getan hatten.

Charlot war ungerührt und unberührt. Er war wie ein frisch geschlüpftes Vöglein, das weder fliegen noch die Welt um sich herum richtig wahrnehmen konnte. Das lag daran, dass er die meiste Zeit seines jungen Lebens allein verbrachte hatte. Ausser seinem Vater und Suzette hatte es niemanden gegeben. Maman war bei einer Fehlgeburt verstorben als Charlot zwei Jahre alt war. Obwohl Suzette ihm jeden Abend von ihr erzählte, konnte er sich nur noch vage an sie erinnern und je älter er wurde, desto mehr verblassten die Bilder in seinem Kopf. Manchmal wünschte er sich, er könnte tief in sein Innerstes eindringen und sie aus sich hervorholen, denn irgendwo mussten sie ja sein. Maman hatte ihn in sich getragen, ihn genährt, ihn in den Schlaf gesungen. Er verstand nicht, wie es möglich war, dass er von all dem kaum mehr etwas wusste, während Suzette, die nur fünf Jahre älter war als er, sich so deutlich an Maman erinnern konnte. „Du warst eben noch zu klein,“ pflegte Suzette zu sagen, indem sie ihm über sein lockiges Haar strich. „Ich will aber nicht zu klein gewesen sein,“ protestierte er, stampfte mit dem Fuss auf und verschränkte die Arme über der Brust. „Wir können uns nicht aussuchen, was wir sind,“ sagte sie.

So stand Charlot im Türrahmen und beobachtete mit grossen Augen wie die Revoluzzer Könige köpften, wie diese Könige dann zu Revoluzzern wiedergeboren wurden und ihrerseits neue Könige köpften. Unweigerlich musste er dabei an das Rad der Fortuna denken, das ihm sein Vater bisher erfolglos zu erklären versucht hatte. Es war ihm zu abstrakt, nicht fassbar genug gewesen. Jetzt plötzlich sah er die Könige aber vor sich, wie sie vom Thron hinunterstürzten und zu Bettlern wurden. Er sah wie die Bettler sich hinaufschwangen und den Thron erklommen. Obschon er es nicht hätte in Worte fassen können, verstand Charlot an diesem zweiten Tag ganz genau, worum es in diesem Spiel ging. Einerseits ging es um die Flüchtigkeit von Macht, das nahm er sehr wohl wahr, andererseits ging es aber auch darum, dass jeder einmal König sein konnte. Das war es, das ihn am meisten faszinierte. Es war nicht die rohe Gewalt an sich, die ihn fesselte, obschon sie durchaus einen deutlich spürbaren Reiz auf seine kindliche, unerfahrene Seele ausübte, sondern was man mit dieser Gewalt erreichen konnte. Während er den anderen Jungen beim Spiel zusah, veränderte sich etwas in Charlot. Er spürte wie dieses etwas langsam von ihm Besitz ergriff, wie es sich in ihm ausbreitete, wie es von einem dumpfen Bauchgefühl zu einem Gedanken heranreifte und schliesslich zu einer fixen Idee wurde. Doch, dachte er, wir können uns aussuchen, was wir sind.

Am darauffolgenden Tag, es war ein Sonntag, stahl sich Charlot nach der Kirche davon und schlenderte hinunter zur Seine. Er hatte sich das Bild der Judith noch einmal angesehen und dachte unentwegt an das Geschrei der Jungen: „Kopf ab!“ hallte es in ihm nach, „Kopf ab!“. Wie mochte es sich anfühlen, wenn man so etwas tat? Wie mochte es sein, wenn man tat, was man nicht tun durfte. Als er dem Fluss entlangspazierte, ganz alleine, sah er plötzlich etwas zwischen ein paar Grashalmen am Wegrand liegen. Es war ein kleiner Vogel, vermutlich von einer Katze gerissen und gerade noch mal davongekommen. Er war verletzt, würde mit etwas Pflege und Fürsorge aber überleben. Charlot blieb stehen und überlegte. Wir können uns aussuchen, was wir sind, dachte er noch einmal. Er kniete sich hin, hob das zarte Geschöpf vorsichtig auf und streichelte über das winzige Köpfchen. Er spürte die Wärme des Vögleins auf seiner Haut, spürte wie das Leben in ihm pulsierte. Charlot wusste, was er zu tun hatte. „Du bist zu klein,“ flüsterte er aber und brach dem Tier das Genick. Kopf ab, dachte er und spürte in sich hinein.

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