Schlaflos, Teil VII

Juli

„Mama, es wird mir schon nichts passieren,“ kam Mias Stimme über Lautsprecher. Man konnte förmlich hören wie sie die Augen verdrehte. Sarah sass neben mir auf dem Sofa und knabberte an einem inzwischen angetrockneten Stück Schokoladencake.

„Ich erlaube es aber nicht,“ sagte sie und blickte verzweifelt zu mir herüber.

„Das kannst du nicht machen,“ protestierte Mia, „das ist uncool.“

„Uncool? Das ist nicht uncool, das ist verantwortungsbewusst, mein Fräulein.“ Ich hob beschwichtigend die Hand. „Halt du dich da raus,“ sagte Sarah.

„Mit wem sprichst du?“ fragte Mia, „ist Oma da?“

„Hallo Schätzchen,“ sagte ich.

„Oma, sag ihr bitte, sie soll mich gehen lassen.“

Das hätte ich gerne getan, doch Sarahs Blick liess mich schweigen. „Nein,“ sagte sie, „du gehst da nicht hin und Punkt.“ Dann drückte sie Mia weg und knallte ihr Handy auf den Wohnzimmertisch. Ich blieb ruhig sitzen und wartete ab. Ich kannte meine Tochter. Sie wollte jetzt nichts von mir hören, schon gar keinen gut gemeinten Rat. Stattdessen schob ich den Kuchen ein Stückchen näher zu ihr hin und schenkte ihr Kaffee nach.

„Wie kann sie nur?“ fragte Sarah und nahm jetzt einen grossen Bissen, „Ich meine, die hat ja keine Ahnung wie gefährlich das ist.“

„Was meinst du?“ fragte ich.

„Da sind so viele Leute und sie ist gerademal achtzehn. Was wenn sie ausgeraubt wird? Oder vergewaltigt?“

„Nun mal doch nicht gleich den Teufel an die Wand, Schatz,“ winkte ich ab. Das tat sie gerne, den Teufel an die Wand malen. Manchmal war meine Tochter ganz schön dramatisch veranlagt. Von mir hatte sie das nicht.

„Was soll das denn heissen?” fragte sie entrüstet, “Soll ich sie etwa gehen lassen?“ Ja, dachte ich. Lass das Kind ein bisschen leben.

„Ein bisschen Vertrauen kann nicht schaden,“ sagte ich, „Sie ist ein gutes Mädchen, ganz die Mama.“ Ich versuchte diplomatisch zu sein und lächelte.

„Was weisst du denn schon? Du hast ja keine Ahnung was da abgeht an solchen Festivals,“ sagte sie mit vollem Mund.

„Ach nein?“

„Nimm mir das bitte nicht übel, aber … du bist alt.“

Kurz starrte ich sie mit offenem Mund an. Da sass die doch tatsächlich neben mir, ass meinen Kuchen, trank meinen Kaffee und nannte mich alt. „Weisst du was?“ sagte ich, “Du wirst auch einmal alt sein, wart’s nur ab. Nur wirst du dann reumütig feststellen, dass du nie richtig jung warst. Ich habe mein Leben wenigstens gelebt.“

„Ach ja? Du warst Hausfrau.“

Jetzt war ich beleidigt. Nicht, weil sie als alleinerziehende und daher berufstätige Mutter mein Hausfrauendasein nicht würdigte sondern weil sie mein Leben vor ihrer Geburt einfach ausblendete. Kinder, auch wenn sie längst erwachsen sind, machen das oft. Ganz unbewusst glauben sie nämlich, das Leben ihrer Eltern hätte erst mit ihnen begonnen. Das ist verständlich, irgendwie. Der Mensch ist nun einmal sehr selbstzentriert. Ich selber weiss auch nicht viel über die Jugendjahre meiner Eltern. Die Zeit ihres Lebens wird es wohl nicht gewesen sein, damals in den 1930er und 40er Jahren, aber was weiss ich schon. Mein Vater war in der Army, meine Mutter als Krankenschwester tätig. So haben sie sich kennengelernt. Danach haben sie sich Briefe geschrieben. Ein paar davon habe ich noch. Dann zog sie zu ihm in die Staaten. Dort bin ich dann geboren, am Hudson River, nicht weit von Kingston. Mehr wollte ich nie wissen. Leider. Ich lehnte mich auf dem Sofa zurück, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah meine Tochter schweigend an.

„Was ist? Bist du jetzt beleidigt?“ fragte sie.

„Ich will dir eine Geschichte erzählen.“

„Muss das sein?“

„Ja, das muss sein. Weisst du noch wie ich dir von Maggie erzählt habe?“

„Deiner Studienfreundin in Amerika?“

„Genau. Also Maggie und ich waren nicht viel anders als Mia. Wir waren, naja, lebenshungrig. Das ist auch nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass wir beide streng lutherisch erzogen wurden –„

„Worauf willst du hinaus?“ unterbrach mich Sarah.

„Sei still,“ sagte ich mit erhobenem Finger, „jetzt rede ich. Es ist das Vorrecht des Alters, Geschichten zu erzählen und ich bin ja schliesslich alt, nicht wahr?“ Sarah sah schuldbewusst weg. „Also. Es war im Sommer 1969. Maggie, ihr damaliger Freund und ich fuhren übers Wochenende an ein Musikfestival. Ja genau, ein Festival. Was genau wir unseren Eltern erzählten, weiss ich nicht mehr, die Wahrheit war es aber ganz bestimmt nicht. Jedenfalls liessen sie uns ziehen und wir konnten unser Glück kaum fassen. Du kannst dir nicht vorstellen wie aufregend das für uns war. Es war die pure Freiheit. Wir assen, was wir wollten, tranken Alkohol, rauchten Gras. Nun schau mich nicht so an. Wir waren rücksichtslos, verantwortungslos, das ist wahr. Nur war es genau das, was dieses Wochenende so besonders machte. Sonst waren wir brave, anständige Mädchen, Maggie und ich. Das ist auch wahr. Dieses eine Mal aber, taten wir wonach uns gerade der Kopf stand und wir kosteten jede Sekunde aus. Damals spielten die Bands noch die ganze Nacht, weisst du. Janis Joplin, daran erinnere ich mich ganz genau, spielte um 2 Uhr morgens, The Who dann um 5 Uhr. Wir tanzten und lachten und fühlten uns erlöst. Einfach erlöst. Es war das wunderbarste Gefühl, das ich je hatte.“ Sarah starrte mich ungläubig an.

„Janis Joplin? 1969? Meinst du etwa Woodstock?“ fragte sie.

„Es waren die besten schlaflosen Nächte meines Lebens,“ sagte ich mit einem Lächeln.

„Du warst in Woodstock?“

„Natürlich, was glaubst du denn? Bethel ist nur eine Fahrstunde von meiner Heimatstadt entfernt. Das konnten wir uns doch nicht entgehen lassen.“

„Woodstock? Du?“ fragte Sarah noch einmal.

„Nun tu nicht so, warum denn nicht?“

„Aber du … Ich fasse es einfach nicht. Moment mal, hast du Papa etwa dort kennengelernt?“

„Nein, das war kurz danach.“

„Warum hast du mir nie was gesagt?“

„Schau, Liebes,“ sagte ich und nahm ihre Hand, „meine Eltern hätten mich nie im Leben gehen lassen, wenn sie davon gewusst hätten. Erst Jahre später habe ich ihnen die Wahrheit gesagt und weisst du was? Sie waren enttäuscht von mir. Nicht weil ich an diesem Festival war sondern weil ich gelogen hatte. Diese Erfahrung möchte ich Mia ersparen.“

„Du meinst ich soll sie gehen lassen?“

„Ich glaube, du kannst ihr vertrauen. Es ist ja nicht Woodstock,“ lachte ich.

„Nein, ich fürchte, dieses Tomorrowland ist noch viel schlimmer.“

„Weisst du, Drogen gab es zu meiner Zeit auch schon. Und Sex auch, man glaubt es kaum. Mia ist noch jung, ja, aber sie wird bestimmt nichts tun, was ich nicht auch getan habe.“

„Was genau hast du denn getan?“ fragte Sarah besorgt.

„Ich habe gelebt und ich war glücklich dabei,“ sagte ich.

 


Schlaflos – Teil I

Schlaflos – Teil II

Schlaflos – Teil VIII

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