Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 11

Dies ist Teil 11 einer Reihe Kurzgeschichten, die ich abwechslungsweise mit meinem fellow Blogger Odeon schreibe. Viel Spass!

Im Stockwerk über mir wohnt Gott. Er heisst Woziak. Eigentlich sieht er gar nicht wie Gott aus, sondern wie eine abgemagerte Version von Karl Marx. Die meiste Zeit trägt er grobe Rippunterhemden und dunkelblaue Jogginghosen. Er hat eine brummige Stimme und riecht wie ein Schnapsladen.

Wir treffen uns eigentlich immer nur im Treppenhaus. Meistens in der Kehrwoche. Ich habe schon versucht, ihm auszuweichen. Aber dann kommt er trotzdem auf mich zu, stösst mich zum Beispiel mit dem Ellbogen an und meint „Ich finde, du solltest deinen Job kündigen.“ Ich zucke zusammen. Woziak hat sich ganz leise an mich herangeschlichen und mir diesen Satz über die linke Schulter ins Ohr geflüstert. Echt creepy, dieser Typ. Also in letzter Zeit mehr als sonst. Seit ich ihm beim Stricken draussen auf der Mauer zugesehen habe, ist er irgendwie noch verschrobener als vorher und hat noch ein paar Tassen weniger im Schrank.

„Musst du mich denn immer so erschrecken?“ frage ich und versuche mich zu entspannen. Tief einatmen, denke ich. Ein und aus.

„Ja, muss ich,“ sagt Woziak mit einem Grinsen, von dem mir heute fast ein bisschen übel wird, „so bleibst du nämlich wach, weisst du? Sollst mir doch nicht einschlafen hier. Ich mein, was mach ich denn ohne dich?“ Kurz bin ich verwirrt.

„Was du ohne mich machen sollst?“

„Ich brauch dich doch noch.“ Er sagt das als wäre es selbstverständlich.

„Wozu denn?“ Unwillkürlich reibe ich mit zwei Fingern meine Nasenwurzel. Tief einatmen. Ein und aus.

„Das lass mal meine Sorge sein,“ sagt Woziak, „Das einzige, was du tun musst ist nicht einschlafen. Das kriegst du doch wohl hin, nicht? Also. Deinen Job, den solltest du kündigen. Alle solltet ihr kündigen.“

„Du bist doch bekloppt,“ sage ich und will mich an ihm vorbeidrücken. Woziak stellt sich mir aber, wie so oft, in den Weg.

„Mit Verlaub,” sagt er, “ich bin es nicht, der tagein, tagaus wie verblödet auf einen Bildschirm glotzt und lustlos auf einer Tastatur rumdrückt.“

„Das stimmt so nicht,“ entfährt es mir, “Ich liebe meinen Job.“

„Nein, tust du nicht. Du bist das Firmenwürstchen, mein Bürschtchen.“ Da lacht er, der Irre.

„Das findest du wohl lustig, was?“

„Du nicht?“ fragt er. Ich schüttle langsam den Kopf. „Ok, dann nicht,“ sagt Woziak, „dann ist es halt nicht lustig. Eigentlich hast du ja recht. Es ist eher traurig als lustig. Ja, so richtig übel ist das mit dir und deinem Job. Du glaubst, du müsstest arbeiten, um zu leben, nicht wahr? Ja, ich seh’s dir an. Das hat man dir so beigebracht, genauso wie man dir beigebracht hat, du müsstest deinen Job lieben. Was soll das denn heissen? Einen Job liebt man doch nicht! Eine Frau, ja, die kann man lieben. Oder einen Hund. Meinetwegen auch sich selber, warum auch nicht? Wir sind ja alles göttliche Geschöpfe und als solche liebenswert, nicht? Aber einen Job? Nein, also dafür ist die Liebe nun wirklich nicht da. Das ist ja sowas Abstraktes. Das ist so ein Konstrukt, um euch alle zu beschäftigen. Es soll euch ablenken von den wirklich wichtigen Dingen im Leben.“

„Wie der Liebe?“ frage ich. Weiter tief atmen. Ein und aus.

„Auch, ja. Hirnwäsche machen die mit euch und ihr merkt es nicht einmal. Wünschst du dir nicht auch manchmal, du müsstest morgens nicht zur Arbeit fahren, du könntest einfach liegenbleiben und in den Tag hinein träumen?“

„Naja …“

„Eben. Da hast du’s. Das sagt jeder, dieses naja. Das ist so wie jein. Es sagt alles und doch nichts. Auch das hat man euch so antrainiert. Keine Meinung mehr zu haben.“

„Nein, das würde ich so nicht sagen. Also, ich meine ja, aber …“

„Was denn nun? Ja oder nein?“

„Jein.“ Ich fasse es nicht, das ich das eben gesagt habe. Wie macht der das bloss immer?

„Du meine Güte,“ ruft Woziak aus, „schütteln möchte ich dich manchmal. Ja, wachrütteln müsste man euch alle mal wieder.“

„Ich bin doch wach!“

„Nein, bist du nicht, mein Junge. Du bist im Tiefschlaf. Du träumst ja noch nicht einmal mehr.“

„Woher willst du das denn wissen?“ frage ich und versuche dabei barsch zu klingen. Meinen Blick habe ich aber bereits von Woziak abgewendet und betrachte nun verstohlen meine unbequemen Arbeitsschuhe. Damals beim Vorstellungsgespräch habe ich noch meine heissgeliebten, ausgelatschten Turnschuhe getragen. Meine Frau meint, ich könne von Glück reden, dass ich die Stelle trotzdem bekommen habe. Vielleicht sollte ich diese Turnschuhe morgen wieder einmal anziehen. Einfach so. Aus Protest.

„Ich weiss es eben,” sagt Woziak, “Du liegst abends im Bett und kannst nicht schlafen, weil du immerzu gestresst bist. Im Sommer sitze ich oft draussen auf dem Balkon und sehe zu später Stunde den Rauchschwaden zu, die von dir unten zu mir aufsteigen. Du bist gestresst und dann rauchst du. Heimlich natürlich, schon klar, aber ich bekomme das trotzdem alles mit. Ich wohne ja über dir. Du kannst nicht schlafen und rauchst deswegen nachts auf dem Balkon. Wie sollt du da noch träumen, hm?“

Ich fühle mich ertappt. Woziak hat recht, natürlich. Ich bin tatsächlich oft gestresst und ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal richtig gut geschlafen habe. Ich rede mir immer ein, es sei der Kinder wegen, aber es war eigentlich schon lange vor ihrer Geburt so.

„Und jetzt,“ fährt Woziak fort, „sagst du mir bitte noch einmal, dass du deinen Job liebst.“ Er sieht mir in die Augen und wartet.

„Morgen zieh ich wieder Turnschuhe an,“ sage ich, um mein Gewissen zu beruhigen.

„Tu das. Und übermorgen dann wieder die da,“ sagt Woziak und zeigt dabei auf meine lackbeschuhten Füsse. Er hat recht. So einen stillen Protest halte ich maximal bis zur Mittagspause durch. Vielleicht sollte ich wirklich kündigen.

„Ich brauche diesen Job,“ sage ich und klinge dabei ziemlich kleinlaut. Kläglich irgendwie.

„Um zu leben?“ fragt Woziak und ich nicke. Er sieht mich mitleidig, ja schon fast traurig an, und legt mir eine Hand auf die Schulter. „Hast du denn vorher nicht auch schon gelebt? Und wenn du morgen kündigst, fällst du dann tot um? Nein. Es ist nicht dein Job, der dir Leben gibt, mein Freund. Du lebst aus dir selber heraus.“

Damit lässt er mich im Treppenhaus stehen. Ein paar Minuten bewege ich mich nicht. Ganz klar, denke ich, im Stockwerk über mir wohnt Gott und der ist komplett irre.

 


Im Stockwerk über mir wohnt Gott, erster Teil

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 2 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 3: Spartaner und Barbaren

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 4 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 5: Für mehr fussgängerfreie Zonen

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 6 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 7: Warum Woziak trinkt

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 8 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 9: Warum die Eiskappen schmelzen sollten

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 10 (von Odeon)

 

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