Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 9: Warum die Eiskappen schmelzen sollten

Dies ist Teil 9 einer Reihe Kurzgeschichten, die ich abwechslungsweise mit meinem fellow Blogger Odeon schreibe. Viel Spass!

Im Stockwerk über mir wohnt Gott. Er heisst Woziak. Eigentlich sieht er gar nicht wie Gott aus, sondern wie eine abgemagerte Version von Karl Marx. Die meiste Zeit trägt er grobe Rippunterhemden und dunkelblaue Jogginghosen. Er hat eine brummige Stimme und riecht wie ein Schnapsladen.

Wir treffen uns eigentlich immer nur im Treppenhaus. Meistens in der Kehrwoche. Ich habe schon versucht, ihm auszuweichen. Aber dann kommt er trotzdem auf mich zu, stösst mich zum Beispiel mit dem Ellbogen an und meint “Es wird Zeit, dass die Eiskappen schmelzen, aber die Dinger sind echt hartnäckig.”

“Hm?” mache ich gedankenverloren. Ich komme gerade von der Arbeit und klopfe mir den Schnee vom Mantel. Draussen ist es schweinekalt und ich ärgere mich schon, dass mich Woziak morgen früh dann wieder beim Schneeschaufeln belästigen kann. Da wird es kein Entkommen geben. Ich habe gehofft, dass ich ihm heute nicht auch noch begegne, aber jetzt steht er doch schon wieder vor mir und schaut mich erwartungsvoll an.

„Die Eiskappen,“ sagt er, „die sollten eigentlich schon längst weg sein.“

„Warum denn? Das wäre doch eine Katastrophe.“

„Ja.“ Er zuckt mit den Schultern. Ja, denke ich, und? Woziak kramt in seiner Hosentasche, findet anscheinend aber nicht, wonach er sucht. Kurz zögere ich, will mich dann aber von ihm verabschieden.

„Na dann, guten Abend,“ sage ich und versuche um ihn herumzugehen. Woziak stellt sich mir aber in den Weg.

„Also die Eiskappen,“ sagt er und ich weiss, dass ich jetzt zuhören muss, ob ich will oder nicht, „die sind viel hartnäckiger als erwartet. Dabei sollten die doch ganz einfach wegzukriegen sein, nicht? Ist ja nur ein bisschen gefrorenes Wasser. Und seit der industriellen Revolution wird ja auch wirklich alles getan, damit die schmelzen. Die Menschheit ging da recht beharrlich ans Werk. Das war fast schon lobenswert. Wenn sie mit solcher Hartnäckigkeit an andere Dinge heranginge, dann käme sie auch richtig voran, aber gut. Und jetzt, kurz vor Schluss, da will man plötzlich nicht mehr. Jetzt kommt man mit diesem Pariser Abkommen daher und nur einer traut sich, da nicht mitzumachen, und der wird von den anderen des Eigennutzes und der Idiotie bezichtigt. Ganz Unrecht haben die damit ja nicht, aber was nutzt das denn alles noch? Es ist fünf vor zwölf, das haben die Wissenschaftler schon richtig erkannt, aber jetzt noch die Kurve zu kriegen ist ein Ding der Unmöglichkeit, das sage ich dir.“

„Du glaubst also nicht, dass wir den Planeten noch retten können?“ frage ich irritiert, auch wenn ich eigentlich weiss, dass Woziak so ziemlich alles anders sieht als ich.

„Nein, das glaube ich nicht. Das weiss ich.“

„Woher denn? Bist du etwa Wissenschaftler?“

„Sowas in der Art,“ sagt Woziak mit einem Zwinkern, das mir unbehaglich ist, „Ich weiss so ziemlich alles. Wenn die Eiskappen nun endlich dahinschmölzen, ein schönes Wort, nicht? Also wenn die dahinschmölzen, dann würde es wieder mal interessant werden. Dann müsste man nämlich Krisenbewältigung betreiben und da zeigt sich des Menschen wahres Gesicht, weisst du? Eines jeden Menschen. Ich bin es Leid, mitanzusehen, wie alle einander etwas vorspielen. Das ist nicht gut. Niemand ist mehr sich selbst. Das ist schon lange so. Schon der gute Shakespeare, den die Musen ja so richtig mit ihren Küssen zugeknutscht haben, hat das erkannt. Die ganze Welt ist eine Bühne und wir die Spieler. Ja, so ist das leider. Das war so sicher nicht geplant, aber je mehr Menschen es gibt, desto mehr muss man sich behaupten, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden und dann auch zu verteidigen. Auch Rousseau wusste das. Sobald mehrere Leute aufeinander treffen, sagte er, fängt man an Zäune zu bauen. Man beginnt sich mit anderen zu vergleichen, fängt an seine Nächsten um Dinge zu beneiden, die man selbst nicht hat. Man wird selbstsüchtig und eitel. Das führt dann im weiteren Verlauf eben zum Shakespearschen Vorspielen, nicht? Alles Schein, sage ich dir, und das Sein verliert zunehmend an Wichtigkeit.“

„Also, ich weiss nicht …“ sage ich, bin mir aber nicht sicher, was genau ich nicht weiss. Dies ist zwar einmal mehr ein Beweis für Woziaks Spinnertum, aber ich komme einfach nicht umhin, ihm heimlich zuzustimmen. Tatsächlich würde eine solche Krise uns zwingen, einfach mal wieder ehrlich zueinander zu sein und uns aufs Wesentliche zu konzentrieren. Es ginge quasi ums nackte Überleben und da bleibt nun mal keine Zeit für Spielchen und Eitelkeiten.

„Ja,“ sagt Woziak, „genau das denke ich auch.“

„Was?“ frage ich und blicke erstaunt zu ihm auf.

„Ich habe dich eben beim Nachdenken beobachtet und dein Gesicht verrät mir, dass du richtig denkst.“

„Woran willst du denn genau erkennen, was ich denke?“ Total übergeschnappt ist der, auch wenn ich ihm heimlich zutraue, dass er Gedanken lesen kann. Meine zumindest.

„Na, du sahst eben recht besorgt aus. Deine linke Augenbraue ging nach oben. Das tut sie immer, wenn du dich unwohl fühlst. Und du hast dir ans Ohr gefasst, was auch typisch ist. Ich kenne dich ziemlich gut, weisst du? Sowas entgeht mir nicht.“ Tatsächlich hat der alte Kauz auch damit recht. Ich weiss das, weil meine Frau ab und zu schmunzelt, wenn ich mir über etwas Sorgen mache. Am Anfang unserer Beziehung habe ich sie ein paar Mal gefragt, was so lustig sei. Sie hat versucht, es mir zu erklären, aber geglaubt habe ich ihr erst, als sie mir einfach einmal einen Spiegel vor die Nase hielt und ich es so plötzlich selber sah.

„Deine Beobachtungsgabe ist beeindruckend,“ sage ich.

„Überrascht dich das etwa?“ fragt Woziak und lacht, einmal mehr, sein warmes, brummiges Lachen. Inzwischen mag ich dieses Väterliche an ihm. Also so irgendwie. Es irritiert mich auch ein bisschen, weil ich mich dann immer so ausgestellt fühle wie ein Affe im Zoo. Woziaks Blick durchdringt mich und am liebsten möchte ich mich in Luft auflösen.

„Sollten wir denn nicht trotzdem versuchen, die Eiskappen zu retten? Und die Eisbären?“ frage ich und klinge dabei etwas kleinlaut.

„Ja, um die Eisbären wäre es tatsächlich schade,“ meint er, „aber ich würde dieses Trauerspiel schon gerne beendigt sehen. Es ist ja vollkommen klar, wo das letztendlich hinführt. Da könnten wir doch jetzt einfach zum fünften und letzten Akt übergehen, die Eiskappen schmelzen lassen, Eisbären hin oder her, uns verneigen und die Masken dann fallen lassen.“

„Was für eine Maske trägst du denn?“ frage ich.

„Tja, eben das werden wir ja dann sehen, wenn es um die Wurst geht, nicht wahr?“

Damit lässt mich Woziak einmal mehr im Treppenhaus stehen. Nach diesem Gespräch bin ich völlig ernüchtert. Ja, auch ich bin die Spielchen leid und vielleicht ist es tatsächlich Zeit, dass die Eiskappen endlich schmelzen. Ganz klar, denke ich, im Stockwerk über mir wohnt Gott und der ist komplett irre.


Im Stockwerk über mir wohnt Gott, erster Teil

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 2 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 3: Spartaner und Barbaren

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 4 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 5: Für mehr fussgängerfreie Zonen

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 6 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 7: Warum Woziak trinkt

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 8 (von Odeon)

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2 thoughts on “Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 9: Warum die Eiskappen schmelzen sollten

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