Briefe an meinen Mann 10

1+1≠1

Ich möchte dir danken. Dafür, dass du mich gehen lässt und mich immer wieder auffängst, mich liebend in deine Arme schliesst, wenn ich wieder bei dir bin. Das meine ich nicht nur im räumlichen Sinn. Ich möchte dir auch dafür danken, dass du mich in meine Gedankenwelt abtauchen lässt, wenn ich meine Gefühle ordnen und Dinge zu Papier bringen muss. Ich möchte dir dafür danken, dass du nicht fragst, wo ich war, dass du einfach nur da bist.

Du gibst mir, was ich dir auch geben will: Halt und Freiheit zugleich. Wir brauchen nicht mehr um einander zu werben, denn wir sind uns so verbunden, dass selbst die grösste Sehnsucht uns nicht voneinander zu lösen vermag. Mit der Sehnsucht ist es wie mit dem Fernweh. Selbst die tiefste Liebe und das schönste zu Hause können sie nicht stillen. Zuweilen ist mein Sehnen gross und laut, manchmal ist es klein und leise. Es ist aber immer da. Mal zieht es dich in weite Ferne, mal verweilst du gerne an Ort und Stelle. Immer träumst du aber von der grossen, weiten Welt. Beides ist menschlich. Beides zeigt, dass wir leben.

Man muss nicht ein Leben lang gleich sein, immer konstant dasselbe wollen. Im Gegenteil, die Veränderbarkeit unserer Wünsche ist es, die uns Wachstum bringt, uns als Paar, aber auch uns als einzelne Menschen. Aus zwei wird nämlich nicht eins. Zwei bleiben immer zwei. Zwei Herzen, zwei Seelen. Doch wenn sie die Eigenständigkeit des jeweils anderen anerkennen, dann können sie gemeinsam vorwärts gehen und neue Wege finden. Das heisst nicht, dass die alten Wege die falschen gewesen wären, ganz und gar nicht. Neu ist nicht zwingend richtiger. Es ist nur anders.

Auch die Liebe wandelt sich im Laufe des Lebens, nicht wahr? War sie zu Anfang noch stürmisch und besitzergreifend, wird sie jetzt zunehmend gelassener und vertrauensvoll. Erinnerst du dich an diese Zeilen?

“Du bist min, ich bin din: / des solt du gewis sin, / du bist beslozzen / in minem herzen; / verlorn ist das sluzzelin: / du muost immer drinne sin.”

Ja, du bist in meinem Herzen beschlossen, doch der Schlüssel ist nicht verloren. Ich habe ihn wiedergefunden und ihn dir in die Hand gelegt. Du kannst gehen, wenn du willst. Ich kann das auch, das weiss ich jetzt. Nur wollen wir eben bleiben in unserem gemeinsamen zu Hause, das so schön ist, auch wenn es das Fernweh und die Sehnsucht in uns nicht stillen kann.

 


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12 thoughts on “Briefe an meinen Mann 10

  1. dornenlicht

    Das ist anbetungswürdig geschrieben.
    Mir sagt man ja auch oft ich sei zu launisch.
    Aber das sehe ich so anders.
    Ein Mensch der sich nie verändert,
    ist praktisch schon tot.
    Wir sollten launisch sein.
    Wir sollten uns ständig verändern.
    Einfach nur wir selbst.
    Es freut mich sehr dass du den Menschen gefunden hast.
    mit dem du das wirklich sein kannst.
    Es freut mich sogar sehr.

    Ps: Männertränchen

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  2. Wow, das ist eine schöne Liebesgeschichte! Mutig, dass du andere Menschen daran teilhaben lässt. Ich hoffe, dass viele Menschen davon berührt und ermutigt werden, denn da ist soviel Wahres drin! Ein Paar – das sind immer noch zwei verschiedene Menschen die verschiedene Bedürfnisse haben. Und Liebe ist vor allem den anderen zu beschenken mit dem, was IHN glücklich macht. Darin besteht das Geheimnis, selber reich beschenkt zu werden. Liebe Grüsse und alles Gute für euch! Brig

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