Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 7: Warum Woziak trinkt

Dies ist Teil 7 einer Reihe Kurzgeschichten, die ich abwechslungsweise mit meinem fellow Blogger Odeon schreibe. Viel Spass!

Im Stockwerk über mir wohnt Gott. Er heisst Woziak. Eigentlich sieht er gar nicht wie Gott aus, sondern wie eine abgemagerte Version von Karl Marx. Die meiste Zeit trägt er grobe Rippunterhemden und dunkelblaue Jogginghosen. Er hat eine brummige Stimme und riecht wie ein Schnapsladen.

Wir treffen uns eigentlich immer nur im Treppenhaus. Meistens in der Kehrwoche. Ich habe schon versucht, ihm auszuweichen. Aber dann kommt er trotzdem auf mich zu, stösst mich zum Beispiel mit dem Ellbogen an und meint “Ich weiss ja nicht, aber ich finde Alkohol gehört verboten.” Ich stehe am Briefkasten und blicke erstaunt zu ihm hoch. Ich muss lachen. Woziak ist nämlich gerade dabei, ein nicht unerhebliches Assortiment an leeren Bier-, Whiskey- und Rumflaschen in einer loddrigen Pappkiste den letzten Treppenabsatz nach unten zu tragen. Entweder hat er schon seit Monaten nichts mehr entsorgt oder er säuft wie ein Bürstenbinder. Seinem Geruch nach zu urteilen ist es eher letzteres.

“Warum lachst du denn?” fragt er, als er die Kiste neben mir auf den Boden stellt, “Findest du das etwa komisch?”

“Naja, ein bisschen ironisch ist es schon,“ sage ich und bemühe mich ernst zu schauen.

“Ironie ist das Salz des Lebens,“ sagt Woziak indem er sich den Schweiss von der Stirn wischt, „Damit kenne ich mich aus, gerade du müsstest das wissen.” Das war ja klar, schönen Dank auch, denke ich, lasse ihm diesen Seitenhieb aber durchgehen.

“Nur war das eben mein Ernst,” meint Woziak weiter, “Ich finde wirklich, dass Alkohol verboten gehört und ich sage dir auch warum. Es geht mir ja nicht darum, dass die Leute gar keinen mehr trinken sollen. Das wäre eine üble Verschwendung natürlicher Ressourcen, vom Verlust der Brau- und Destillierkunst ganz zu schweigen. Es ist nur einfach viel zu leicht ranzukommen an all die Tropfen, die edlen wie die weniger edlen, und das mindert den Genuss und die Freude daran ganz entscheidend.“ Kurz blicken wir beide auf seine Kiste. Von Genuss kann bei dieser Menge keine Rede sein.

„Nur weil es Alkohol überall zu kaufen gibt, heisst das ja nicht, dass man ihn auch kaufen muss,“ sage ich schliesslich und glaube tatsächlich, dass nicht einmal Woziak dagegen etwas anbringen kann.

„Doch, muss man. Das nennt sich Kaufzwang,“ sagt er.

„Sowas gibt es nicht,“ winke ich ab. Wie jedes andere vorher ist auch dieses Gespräch völlig sinnlos.

„Ach nein? Hast du denn noch nie eine Flasche Wein gekauft, einfach weil man das so macht?“ Woziak lässt einfach nie locker. Nie kann der eine Aussage einfach so stehen lassen. Innerlich rolle ich mit den Augen, hüte mich aber davor, es tatsächlich zu tun.

„Doch schon,“ sage ich stattdessen, „aber deswegen hat mich doch niemand dazu gezwungen.“

„Natürlich hat dich jemand gezwungen,“ sagt Woziak „Das ist immer so und liegt daran, dass einem überall suggeriert wird, man müsse trinken, um gesellig zu sein. Die ködern einen mit ihren Plakaten und Werbefilmchen. Dann kommt, besonders in jungen Jahren, noch der Gruppendruck hinzu und man gibt nach. Der Widerstand, und oftmals auch der Verstand, fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Und dann, wenn man das Trinken schliesslich als gesellschaftliche Norm akzeptiert und anerkannt hat, dann kommt der Kaufzwang. Wer gibt schon gerne eine Dinnerparty ohne Alkohol? Das gehört einfach zum guten Ton heutzutage. Klar, viele trinken nur dieses Blubberzeug, aber auch die trinken eben. Da sollte man sich nichts vormachen. Es spielt ja keine Rolle, ob es der teure Schampus oder das fahle Aldibier ist.“

„Wenn du so gegen gesellschaftlichen Alkoholkonsum bist, warum trinkst du dann?“

„Das ist eine gute Frage,“ sagt Woziak und ich werte das als Lob. Überrascht spüre ich wie sich so etwas wie Triumph in mir breit macht und beginne innerlich zu frohlocken wie Aloisius der Münchner im Himmel.

„Du denkst bestimmt, ich trinke um des Vergessens wegen, nicht wahr?“ Mein Frohlocken bricht abrupt ab. Tut er das denn nicht? „Das ist doch Quatsch,“ sagt er, „Alkohol löst keine Probleme, er konserviert sie. Er kann so ziemlich alles konservieren. Alkohol lässt einen nur gleichgültig werden für ein paar Stunden. Wenn der Rausch dann aber ausgeschlafen ist, dann stellt man fest, dass man sich noch immer an alles erinnert und der Schmerz einen nach wie vor peinigt. Nein, Alkohol ist da keine Lösung. Salzsäure wäre das viel bessere Lösungsmittel. In null Komma nichts wäre man alles Leid und alle Schwierigkeiten los.“ Da hat er recht, denke ich. Eigentlich hat er ja oft recht. Auch an der Sache mit dem Kaufzwang ist was dran.

„Wenn nicht des Vergessens wegen, warum trinkst du dann?“ frage ich.

„Als Mittel zum Zweck. Es hält andere Menschen auf Abstand. Also dich jetzt nicht, du läufst mir ja ständig hinterher und willst mit mir reden. Die meisten anderen machen aber einen grossen Bogen um mich, wenn sie meine Fahne riechen. Was die Leute immer von einem wollen, weisst du? Ich bin dieses ewige Geschnatter einfach müde und will auch mal ein bisschen meine Ruhe haben. Ich markiere also sozusagen mein Revier.“ Woziak lacht und ich frage mich, wovon genau er da redet. „Ja, diese Analogie gefällt mir,“ sagt er, „Das hat sowas animalisches. Tiere habe ich ja schon immer gemocht.“ Einen Moment lang schweigen wir. Woziak streicht gedankenverloren über seinen Bart, während ich über seine Worte nachdenke.

„Moment mal, du meinst ich will immer mit dir reden?“ frage ich. Der hat sie doch nicht mehr alle. Oder hat er vielleicht auch damit recht? Womöglich bin tatsächlich ich es, der unsere Gespräche provoziert, so ganz ohne es zu merken. Kann das sein?

„Ja, das meine ich,“ sagt Woziak, „Neulich hast du mir doch sogar aufgelauert.“

„Wie … bitte, was?“ Ich wünschte, ich könnte es abstreiten. Doch es ist wahr, ich habe tatsächlich im Treppenhaus auf der Lauer gelegen, weil ich mit ihm sprechen wollte. Ich muss komplett verrückt sein und Woziak denkt zu recht, dass ich ihm hinterherlaufe.

„Das ist schon in Ordnung,“ sagt er mit seiner väterlichen Brummstimme, „Ich mag dich ja. Du bist zwar nicht ganz dicht, aber da kannst du ja auch nichts dafür. Du bist eben auch nur ein Mensch und lässt dich blindlings mit der Masse treiben, kaufst den guten Wein für deine Dinnerparty und trinkst in geselliger Runde, einfach weil man das so macht. Das ist ja auch nichts Schlimmes. Wie ich schon sagte ist es nur viel zu leicht ranzukommen an den Alkohol. Wenn der verboten wäre, würdet ihr euch alle nicht so sinnlos durch die Regale trinken. Am Ende werdet ihr noch alle abhängig und dann haben wir den Salat. Stell dir vor, es könnte niemand mehr klar denken? Das würde ja heiter werden.“

„Kannst du denn noch klar denken eigentlich?“ Die Frage ist mir so rausgerutscht. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob sie an ihn oder an mich selbst gerichtet ist.

„Tja, das ist dann wohl die Frage, nicht?“ Damit lässt mich Woziak einmal mehr im Treppenhaus stehen und verschwindet mit seiner Kiste im Hof. Ich blicke ihm noch lange fassungslos hinterher. Selbst als die Tür sich hinter ihm längst geschlossen hat und das Geklapper seiner Flaschen draussen kaum mehr zu hören ist, starre ich noch vor mich hin. Ganz klar, im Stockwerk über mir wohnt Gott und der ist komplett irre.

 


Im Stockwerk über mir wohnt Gott, erster Teil

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 2 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 3: Spartaner und Barbaren

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 4 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 5: Für mehr fussgängerfreie Zonen

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 6 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 8 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 9: Warum die Eiskappen schmelzen sollten

5 thoughts on “Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 7: Warum Woziak trinkt

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