Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 5: Für mehr fussgängerfreie Zonen

Dies ist Teil 5 einer Reihe Kurzgeschichten, die ich abwechslungsweise mit meinem fellow Blogger Odeon schreibe. Viel Spass!

Im Stockwerk über mir wohnt Gott. Er heisst Woziak. Eigentlich sieht er gar nicht wie Gott aus, sondern wie eine abgemagerte Version von Karl Marx. Die meiste Zeit trägt er grobe Rippunterhemden und dunkelblaue Jogginghosen. Er hat eine brummige Stimme und riecht wie ein Schnapsladen.

Wir treffen uns eigentlich immer nur im Treppenhaus. Meistens in der Kehrwoche. Ich habe schon versucht, ihm auszuweichen. Aber dann kommt er trotzdem auf mich zu, stösst mich zum Beispiel mit dem Ellbogen an und meint “Es müsste mehr fussgängerfreie Zonen geben”. Kurz blicke ich von meinem neuen Kinderwagen auf, den ich draussen im Hof gerade zum ersten Mal zusammenzulegen versuche. Eigentlich müsste das ganz einfach gehen, meint die Frau im Babygeschäft. “Sie drücken die Knöpfe einfach immer schön der Reihe nach, dann legt der sich wie von selbst zusammen,” sagte sie, während sie mir demonstrierte, was ich zu tun habe. Es sah wirklich einfach aus, nur ist es das jetzt zu Hause eben doch nicht. Überall klemmt es und keiner der Knöpfe tut so richtig, was er sollte. Es hilft auch nicht, dass Woziak rauchend und mit einer Flasche Bier in der Hand neben mir steht und mir belustigt zusieht. Kurz blicke ich zu ihm auf. “Du meinst wohl autofreie Zonen,” sage ich.

“Nein, du hast mich schon richtig verstanden. Wenn es mehr fussgängerfreie Zonen gäbe, dann gäbe es auch weniger Unfälle und man müsste nicht ständig an jedem Zebrastreifen anhalten. Die Innenstadt ist ja voll von diesen Bummlern, nicht wahr? Die stehen dann immer so in Gruppen am Strassenrand und unterhalten sich. Da weiss man nie, ob die denn nun rüber wollen oder nicht. Und hier draussen im Quartier wimmelt es ja nur so von Kindergartenschülern, die immer so lange warten am Zebrastreifen. Bis die sich einmal dazu entschliessen können, die Strasse zu überqueren, sind die Autofahrer alt und grau und dann wird’s erst richtig lustig. Die sehen ja dann kaum mehr was und verwechseln womöglich noch Bremse und Gaspedal. Und dann? Dann wird so ein Kind angefahren und alle Welt schreit und klagt über den Autofahrer, dabei kann der arme doch gar nichts dafür, dass er so lange warten musste. Ich sage dir, genau da kommen die ganzen alten, senilen Autofahrer her, vom Zebrastreifen.”

“Das ist doch absurd,” sage ich, noch immer am Kinderwagen herumdrückend.

“So? Bist du wieder einmal anderer Meinung, was? Das ist typisch für dich. Immer musst du mir widersprechen.” Woziak ist genervt. Ich glaube, er schmollt sogar ein bisschen.

“Nein,” versuche ich ihn zu beschwichtigen, während ich am Lenker rüttle, “ich meine doch nur …” Woziak hebt die Hand, um mich zu unterbrechen.

“Schon gut, schon gut,” sagt er, “ich vergebe dir. Du weisst es ja nicht besser. Schau, ich will es dir erklären. Damals, als sie das Rad erfunden haben, mehrere tausend Jahre bevor sich Pilatus die Hände in vermeindlicher Unschuld wusch, da war die Idee, möglichst schnell und einfach von A nach B zu kommen. Simpel, ja, aber gerade deshalb auch so genial. Das war eine der wenigen wahren Sternstunden der Menschheit, sage ich dir! Wenn ich nur schon daran denke, wird mir warm ums Herz. Dann werde ich aber auch wehmütig, weil diese geistreiche Erfindung heutzutage so verteufelt wird. Dabei hatte der doch rein gar nichts damit zu tun. Den Trabi, den kann man ihm vielleicht noch anlasten, aber dann hat es sich auch schon. Jedenfalls sollte es eben mehr fussgängerfreie Zonen geben, damit diese Glanzleistung menschlichen Erfindertums besser zur Geltung käme.”

“Solche Zonen gibt es doch schon,” sage ich, “sie heissen Autobahnen.”

“Ich sagte ja auch nicht, dass es keine gibt,” seufzt er, “Du musst wirklich besser aufpassen, mein Lieber. Wenn es von etwas mehr geben soll, dann impliziert das ja, dass dieses etwas bereits existiert. Das ist Logik. Aber ich sehe schon, dafür hast du keinen Sinn.”

Das darf doch alles nicht wahr sein, denke ich. Ich versuche aber, Ruhe zu bewahren und mache zwei Schritte zurück. Einen vom schwachsinnigen Kinderwagen und einen vom nicht minder schwachsinnigen Woziak. “Hast du eigentlich oft kalte Füsse?” fragt er unvermittelt.

“Gelegentlich,” sage ich ohne mir gross Gedanken darüber zu machen, “Nur was hat das mit …”. Woziak grinst und ich verstehe, dass ich auch diesen Schlagabtausch soeben verloren habe. Autsch. Ich sollte tatsächlich besser aufpassen. Da hat der Spinner völlig recht.

“Da hast du’s,” lacht er, “Deswegen stehst du auch hier und mühst dich mit diesem Dings da ab.” Schweigend betrachten wir gemeinsam den neuen Kinderwagen, der doch so einfach zusammenzulegen sein müsste, es aber einfach nicht ist.

“Das Ding hier hat doch aber auch Räder oder etwa nicht?” frage ich schliesslich und hoffe auf Gnade.

“Ja, drei. Das sehe ich schon.”

“Und? Was stimmt denn damit nicht?”

“Es ist ein Dreirad,” schmunzelt Woziak und tritt seine Zigarrette am Boden aus, “Und damit fährst du noch nicht einmal. Nein, du schiebst es. Du schiebst es hier im Quartier herum und stehst dann später in der Innenstadt gefühlte sieben Stunden damit am Zebrastreifen und behinderst den Verkehr derer, die eben fahren und zwar auf vier Rädern wie es sich gehört.”

Damit lässt Woziak mich im Innenhof stehen. K.O. Wer dumme Fragen stellt bekommt auch dumme Antworten. Kurz schaue ich ihm hinterher, wende mich dann aber wieder dem Kinderwagen zu. Verdammt, denke ich, es ist tatsächlich ein Dreirad. Im Stockwerk über mir wohnt Gott und der ist komplett irre.

 


Im Stockwerk über mir wohnt Gott, erster Teil

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 2 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 3: Spartaner und Barbaren

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 4 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 6 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 7: Warum Woziak trinkt

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 8 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 9: Warum die Eiskappen schmelzen sollten

4 thoughts on “Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 5: Für mehr fussgängerfreie Zonen

  1. Pingback: Im Stockwerk über mir wohnt Gott – sechster Teil: Mission Impossible – Odeon

  2. Pingback: Im Stockwerk über mir wohnt Gott – achter Teil: Frauen – Odeon

  3. Pingback: Im Stockwerk über mir wohnt Gott – zehnter Teil: Wie Woziak manchmal gestrickt ist – Odeon

  4. Pingback: Im Stockwerk über mir wohnt Gott – zwölfter Teil: Essen hat Tradition | Odeon

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s