Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 3: Spartaner und Barbaren

Dies ist der dritte Teil einer Reihe Kurzgeschichten, die ich abwechslungsweise mit meinem fellow Blogger Odeon schreibe. Viel Spass!

Im Stockwerk über mir wohnt Gott. Er heisst Woziak. Eigentlich sieht er gar nicht wie Gott aus, sondern wie eine abgemagerte Version von Karl Marx. Die meiste Zeit trägt er grobe Rippunterhemden und dunkelblaue Jogginghosen. Er hat eine brummige Stimme und riecht wie ein Schnapsladen.

Wir treffen uns eigentlich immer nur im Treppenhaus. Meistens in der Kehrwoche. Ich habe schon versucht, ihm auszuweichen. Aber dann kommt er trotzdem auf mich zu, stösst mich zum Beispiel mit dem Ellbogen an und meint “Die Olympiade war früher noch was. So mit Spartanern und Barbaren und nicht mit Skispringern und halbnackten Fahnenträgern“. Verwundert blicke ich zu ihm auf und beobachte wie er einen tiefen Zug von seiner Zigarette nimmt, die er zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand hält. Die linke hat er tief in der Tasche seines abgenutzten, olivgrünen Parkas vergraben. Er steht dicht neben mir, so dicht, dass es mir schon fast ein bisschen unangenehm ist. Unweigerlich mache ich einen Schritt zurück und widme mich wieder meiner Arbeit. Mir ist dieses Jahr nämlich die dubiose Ehre zuteil geworden, stellvertretend für die zehn Parteien, die in unserem Haus wohnen, im Hof Schnee zu schaufeln.

„Heutzutage schneit es ja kaum mehr,“ hat Woziak gesagt, als er mich bei der letzten Mieterversammlung für diesen Dienst nominiert hat. Nur schneit es dieses Jahr eben ungewöhnlich viel und ich habe alle Hände voll zu tun. Natürlich. Woziak stellt sich gerne daneben, wenn ich mich da draussen in der Kälte abmühe, und redet währenddessen auf mich ein. Helfen tut er nicht.

„Die Spartaner waren doch auch halbnackt oder etwa nicht?“ frage ich beiläufig, während ich mich noch weiter von ihm entferne. Heute kann man seine Alkoholfahne sogar gegen den Wind riechen.

„Darum geht es nicht,“ sagt Woziak, „Du hast nicht aufgepasst.“

„Nein?“

„Nein.“

„Im Keller liegt noch eine zweite Schaufel,“ sage ich und versuche dabei höflich zu lächeln.

„Was willst du denn damit?“ fragt Woziak, „Du hast ja doch nur zwei Hände.“ Touché, denke ich. 1:0 für diesen Spinner.

„Also die Spartaner,“ sagt er, „das waren so richtig zähe Burschen. Wenn die heute diesen Flöhen in ihren aerodynamischen Anzügen beim Skispringen zuschauen müssten, würden die lachen. Ja, das würden sie. Früher mussten die noch Speere werfen, weisst du?“

„Das tun sie doch heute auch noch, nur eben an den Sommerspielen,“ sage ich und bedeute ihm mit einer Hand, er möge mir doch aus dem Weg gehen. Woziak bleibt unbeirrt stehen.

„Ja, aber auch darum geht es nicht,“ meint er, „Du hörst nicht richtig zu. Das ist ein grundsätzliches Problem bei dir.“

„Echt jetzt?“ frage ich. Der hat sie doch nicht mehr alle. Steht da, quatscht sinnloses Zeug und wirft mir vor, ich würde nicht zuhören.

„Ja. Du hast ja noch nicht einmal nach den Barbaren gefragt, die ich vorhin erwähnt habe. Dabei ist das eine ganz spannende Sache mit denen. Im Altgriechischen bedeutet der Begriff nämlich ‚anderssprachig‘ und bezeichnet daher so ziemlich jedermann. Und ‘Jedermann’ ist ja auch so ein vages Konstrukt, nicht wahr? Wer soll das denn bitte schön sein? Du etwa?“ Woziak runzelt die Stirn, während er mich langsam von oben bis unten mustert. Ich schweige und warte auf die schwachsinnige Abhandlung, die nun zweifelsohne folgen wird.

„Ja,“ sagt Woziak, den Blick noch immer auf mich gerichtet, „vielleicht bist du Jedermann und ich so etwas wie Guter Rat oder dein Gewissen. Jedenfalls bist du auch ein Barbar, du sprichst ja kein Griechisch, und ein Banause dazu. Das ist übrigens auch Griechisch und meint ‚Handwerker‘. Sieh dich doch mal an wie du hier werkelst mit deinen Händen. Dir fehlt es aber einfach an Kraft, weisst du. Einen Speer, also so einen richtigen, Spartanischen, könntest du keine zehn Meter werfen.“

„Sag mal, versuchst du mich absichtlich zu beleidigen?“ frage ich und stütze mich auf die Schneeschaufel. Mein Atem geht schwer, mein Herz pocht bereits ungewöhnlich schnell, dabei bin ich erst ein paar Minuten hier draussen. Woziak hat recht, mir fehlt es tatsächlich an Kraft. Ich versuche, mir aber nichts anmerken zu lassen, auch wenn die Dampfwolken, die in einem Fort aus Mund entweichen, mich zweifelsohne verraten. Für Woziak bin ich inzwischen so etwas wie ein offenes Buch geworden. Manchmal geht er ganz schön grob mit mir um und ich habe schon öfter das Gefühl gehabt, dass er mir auch Eselsohren verpassen würde, wenn er denn könnte. Und meistens frage ich mich nach unseren Gesprächen, ob ich sie vielleicht sogar verdient hätte.

„Nein, mit Nichten,“ ruft Woziak aus und hebt beschwichtigend die Hände, „Du bist ja auch nicht der einzige Schwächling, der hier so herumläuft. Du bist nur eben Jedermann und daher ein repräsentatives Beispiel für den Zerfall der antiken Sportkultur. Eine Fackel könntest du vielleicht noch tragen oder eben skispringen, obschon ich bezweifle, dass du halbnackt eine gute Figur machen würdest, vom aerodynamischen Ganzkörperkondom ganz zu schweigen. Das liegt auch an deiner Ernährung. Du hast einfach keinen Respekt mehr vor deinem Körper.“

„Mit Verlaub, ich bin es nicht, der hier vor sich hin dampft und sich Nacht für Nacht die Kante gibt,“ sage ich und glaube, damit endlich einmal einen Punkt gelandet zu haben. 1:1, lieber Marxverschnitt.

„Darum geht es doch gar nicht,“ entgegnet Woziak und erkennt mir meinen Treffer damit kurzerhand wieder ab, „Du kapierst wirklich gar nichts. Ich meine es doch nur gut mit dir, aber du willst dir ja nicht helfen lassen. Wenn du nicht so lasch mit dir selber wärst, würde dir die Schaufel hier deutlich leichter in der Hand liegen. Versteh mich nicht falsch, das gilt ganz allgemein. Der Mensch hat eben nachgelassen und du bist der lebende Beweis dafür. Deshalb ist die Olympiade auch nicht mehr das, was sie mal war. Vielleicht wäre eine zweite Sintflut angebracht. Was meinst du?“

„Bitte?“ Wie so oft, kann ich ihm nicht mehr ganz folgen.

„Nein, du hast recht. Das wäre zu radikal. Letztes Mal hat es ja auch eher schlecht als recht funktioniert. Abhärten würde es den Menschen allerdings wieder einmal. Das täte ihm gut. Wirklich. Früher war es ganz anders, denn da musste man noch kämpfen. Ums nackte Überleben ging es da. Du weisst schon, die Speere und so. Heute wird einem ja alles auf dem Silbertablett serviert. Wenn das so weitergeht, muss man bald nichts mehr selber machen. Dann kann man einfach schön die Füsse hochlegen und verweichlichen.“

Woziak schweigt und raucht. Er hat geschlossen und ich ertappe mich dabei, wie ich ihn mit offenem Mund anstarre. Tatsächlich würde ich genau das gerade gerne tun. Ich möchte einfach nur die Füsse hochlegen und weiter verweichlichen. Ich möchte mich nicht länger hier draussen abrackern. Vorhin habe ich kurz daran gedacht wie in der Innenstadt immer diese Rasenmäher ähnlichen Gefährte vorbeikommen und den Schnee ganz schnell und einfach beseitigen, maschinell eben. Vielleicht sollte ich umziehen, habe ich gedacht, dann müsste ich nicht mehr selber Schnee schaufeln. Das habe ich doch aber nicht laut gesagt oder? Nein, ganz bestimmt habe ich das nicht. Woziak weiss nur immer alles.

„Im Keller liegt noch eine zweite Schaufel,“ sage ich trotzig und beuge mich wieder über den Schnee.

„Eben,“ sagt Woziak und schaut mir weiter zu. Ganz klar, denke ich, im Stockwerk über mir wohnt Gott und der ist komplett irre.


Im Stockwerk über mir wohnt Gott, erster Teil

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 2 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 4 (von Odeon)

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 5: Für mehr fussgängerfreie Zonen

Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 6 (von Odeon)

5 thoughts on “Im Stockwerk über mir wohnt Gott, Teil 3: Spartaner und Barbaren

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