Briefe an meinen Mann 8

Elternschaft

Ein Jahr später wurde ich schwanger. Du und ich, wir beide, würden in ein paar wenigen Monaten Eltern sein. Du und ich, die wir zwar schon fast zehn Jahre ein Paar waren, uns aber daran gewöhnt hatten, auf nichts und niemanden ausser uns selbst Rücksicht nehmen zu müssen. Oft lebten wir noch immer in den Tag hinein, wie damals in Irland, gingen wohin wir wollten, taten wonach uns gerade der Kopf stand, blieben bis in die frühen Morgenstunden auf. Noch bevor der Test positiv war, wusste ich instinktiv, dass ich unser Wunschkind in mir trug. Ich erlebte die Schwangerschaft als eine sehr intensive Zeit und dies nicht nur der körperlichen Veränderungen wegen. Auch unsere Beziehung begann sich zu wandeln. Bald würden wir nicht nur Mann und Frau sondern auch Mutter und Vater sein. Die Vorfreude war riesig, natürlich, doch es machten sich auch erste Ängste und Sorgen breit.

Als unser Kind dann endlich da war, waren unsere Freude und unser Glück aber gross, sehr gross. Unser kleines Bündelchen war das Beste und Schönste, was uns je passiert war, wir beide liebten es mehr als alles andere auf der Welt. Es war eine ganz andere, neue Art von Liebe, die ich mir so vorher nicht hatte vorstellen können. Trotzdem war nicht alles nur eitel Sonnenschein. Ich musste bei mir auch ziemlich schnell Ernüchterung feststellen. Schwangerschaft und Geburt hatten Spuren hinterlassen, ich fühlte mich ausgelaugt, im wahrsten Sinne des Wortes, war müde und erschöpft. Eine Wochenbettdepression war es nicht, das würde ich so nicht sagen, aber es gab doch Tage, an denen ich mich am liebsten in ein kleines Erdloch verkrochen hätte, nur um morgens nicht aufstehen zu müssen.

Zu Beginn waren wir, um es gelinde auszudrücken, tendenziell nervöse Eltern. Wir waren unsicher, weil wir alles richtig machen wollten, diesem kleinen Geschöpf nur das Beste bieten wollten. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, nur waren wir eben derart bemüht, dass wir sehr bald schon anfingen einander zu kritisieren, zu konfrontieren und uns zu streiten. Oft waren wir uns nicht einig, was denn nun das Beste war für unser gemeinsames Kind. Ich wollte dieses, du wolltest jenes. Ich war für das eine, du für das andere. Über Monate spielte sich dieses Hin und Her hoch, alte Wunden rissen auf, längst beigelegte Streitereien wurden wieder hervorgeholt. Beide hatten wir nicht selten das Gefühl, an eine Wand anzureden. Um endlich vom jeweils anderen gehört zu werden, wurden wir immer angriffslustiger, begannen einander frustriert wegen Nichtigkeiten anzuklagen, für jeden noch so kleinen Fehler zur Verantwortung zu ziehen. Keiner von uns wollte das und keiner von uns hätte sich vorstellen können, dass wir einander so tief verletzen könnten.

Irgendwann stellte ich erschrocken fest, dass wir die Achtung voreinander tatsächlich verloren hatten und dies ausgerechnet jetzt. Was in Neuseeland seinen Anfang genommen hatte, hatte sich nun wieder eingeschlichen. Unübersehbar standen all unsere Probleme plötzlich im Raum und stauten sich zu einer ausgewachsenen Ehekrise auf. Es war eine ganz neue Erfahrung, die jedes Tief, das wir bisher erlebt und gemeistert hatten in den Schatten stellte. Und es war ein gewaltiger Schatten, ein Ungetüm von einem Schatten. In gewissem Sinne war dieses Tief, in dem wir plötzlich steckten, proportional zu unserem allerersten Hoch, von dem ich im zweiten Brief berichten durfte. Lange Zeit glaubte ich, wir wären unantastbar, wir als Paar. Doch Hochmut kommt vor dem Fall.

So sassen wir irgendwann einmal beieinander, du und ich, und wussten nicht mehr weiter. Was tun? Wie die Achtung voreinander wieder finden? Wie wieder ein glückliches Paar werden? Immerhin konnten wir all die Jahre immer offen und ehrlich miteinander über solche Dinge sprechen und taten es auch jetzt. Dafür danke ich dir. Und ich danke dir dafür, dass du noch immer da bist. Egal wie schlimm es um unsere Beziehung stand, egal wie schlecht es mir ging, wie frustriert, wie verzweifelt, wie krank ich war, du hast immer zu mir gehalten. Du warst trotz allem immer für mich da, wenn ich dich am nötigsten gebraucht habe. Ich hoffe auch sagen zu dürfen, dass ich im Gegenzug auch für dich da war. Wenn es darauf ankam, und das kam es ziemlich oft, waren wir trotz aller Streitereien, trotz aller Anschuldigungen und aller Vorwürfe füreinander da. Selbst im grössten Tief konnten wir noch gemeinsam lachen, unserem Kind fürsorgliche, liebende Eltern sein, einander abends im Bett in die Augen sehen und gute Nacht wünschen. Selbst im grössten Tief konnten wir einander „Ich liebe dich“ sagen und es auch so meinen.

Briefe an meinen Mann 1

Briefe an meinen Mann 2

Briefe an meinen Mann 3

Briefe an meinen Mann 4

Briefe an meinen Mann 5

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Briefe an meinen Mann 7

Briefe an meinen Mann 9

Briefe an meinen Mann 10

Briefe an meinen Mann 11

 


Briefe an meine erste Liebe 1

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