Briefe an meinen Mann 7

Wie man sich in 60 Tagen gegenseitig auf die Palme bringt

Mit diesem siebten Brief wird es für mich zunehmend schwieriger, ehrlich zu sein. Hier gilt es nun auch erste unangenehme Dinge auszusprechen. Auf die Heirat folgte nämlich die Hochzeitsreise und damit kam die grosse Ernüchterung. Im fernen Neuseeland wollten wir unsere Liebe feiern und gemeinsam im neuen, ehelichen Lebensgefühl schwelgen.

Zwei Monate lang tuckerten wir im Campervan von Auckland bis nach Invercargill und dann wieder hoch nach Dunedin und Christchurch. Vom Kaffeesatzdebakel bis zur schier grenzenlosen Völlerei im Green Dragon haben wir so ziemlich alles erlebt. Erinnerst du dich? Es war ein kunterbuntes, riesengrosses Abenteuer und wir beide erfüllten uns damit einen gemeinsamen Traum. Noch immer schenktest du mir die Welt und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Dafür danke ich dir. Nur liessest du, wie so oft, deinen Entdeckungsdrang ohne Rücksicht auf Verluste mit dir durchgehen.

Zu jedem heissen Quellchen schlepptest du mich, an jedem Strand mussten wir entlangspazieren, zu jeder noch so entlegenen Bucht wandern, jeden Tag an einem anderen Platz übernachten. Ich, die ich auch gerne mal an einem Ort verweile, die Ruhe geniesse und ein Buch lese, war damit hoffnungslos überfordert. Natürlich hat man Recht, wenn man mich jetzt bezichtigt, hier auf sehr hohem Niveau zu jammern. Mir ist sehr wohl bewusst, welchen Luxus wir uns mit dieser Reise gönnten und dass die meisten Menschen sich Zeit ihres Lebens keine solchen Träume erfüllen können. Darum ging es aber nicht. Es ging nicht darum, dass es mir dort nicht gefallen hätte oder dass ich undankbar gewesen wäre. Ganz und gar nicht. Es ging um dich und mich. Es ging um die Art wie wir einander in Neuseeland begegneten. Das war es, was mir nicht gefiel.

Dein Übermut, ich muss es leider sagen, wollte entgegen deiner Hoffnungen so gar nicht auf mich überschwappen. Im Gegenteil, irgendwann liess er meinen Geduldsfaden reissen. 60 Tage auf engstem Raum mit dir in einer mobilen Unterkunft, die ich ohne Führerschein selber nicht steuern konnte, taten ihr Übriges. Ich fühlte mich dir, deiner Abenteuerlust und deinem Tatendrang ausgeliefert. Tatsächlich war ich das auch. Es kam schon mal vor, dass du uns gegen meinen ausdrücklichen Willen irgendwohin fuhrst, weil du dich durchsetzen wolltest. In solchen Situation fühlte ich mich übergangen, nicht ernst genommen, genötigt und hilflos. Es ist nicht so, dass ich selbst gar nicht unternehmungslustig bin, ich bin nur viel gemütlicher unterwegs als du. Das war schon immer so und war uns beiden auch bewusst. Trotzdem gingen unsere Erwartungen und Vorstellungen in diesem Urlaub so weit auseinander, dass es uns schwer fiel, Kompromisse zu schliessen, die für uns beide stimmig waren.

So begannen wir, vermutlich auf dem letzten Drittel der Strecke, zu streiten, wurden laut und lauter, um unserer beidseitiger Enttäuschung Luft zu machen. Und dann, nach wochenlangem Hin und Her sagte ich dir, zum ersten Mal, dass ich dich hasste. Ein hässliches Wort und ich schäme mich nicht wenig, es tatsächlich benutzt zu haben, denn damit ging auch ein Bisschen Respekt und Achtung verloren. Irgendwann gingen meine Frustration und meine Wut aber in eine allumfassende Hilflosigkeit über, der ich nicht anders Ausdruck zu verleihen vermochte. Wenn wir nicht bald nach Hause gefahren wären, hätte ich womöglich noch schlimmere Dinge zu dir gesagt und die Situation wäre uns aus dem Ruder gelaufen. Die Wunden, die wir einander damals zufügten, begannen zwar schon auf dem Rückflug zu heilen, sollten aber später wieder aufreissen, auch wenn wir das zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnten.

Dein Vater hatte uns vor unserer Abreise noch scherzhaft gewarnt. „Nicht, dass ihr euch danach gleich wieder scheiden lasst,“ hatte er gesagt. Da hatte ich noch gelacht. Im Nachhinein konnte ich daran aber nichts mehr Komisches finden. Ich hatte einen verklärten, naiven Blick auf die Ehe gehabt, das wurde mir nun klar. Die Ernüchterung war gross und wenn ich heute eines weiss, dann ist es wie man sich in 60 Tagen gegenseitig auf die Palme bringt.

Briefe an meinen Mann 1

Briefe an meinen Mann 2

Briefe an meinen Mann 3

Briefe an meinen Mann 4

Briefe an meinen Mann 5

Briefe an meinen Mann 6

Briefe an meinen Mann 8

Briefe an meinen Mann 9

Briefe an meinen Mann 10

Briefe an meinen Mann 11

 


Briefe an meine erste Liebe 1

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s