Briefe an meinen Mann 6

Verliebt, verlobt, verheiratet

Sechs Jahre nach unserer ersten Begegnung, damals im Marzili, stelltest du mir die Frage aller Fragen. Du hattest dir den perfekten Moment dafür ausgesucht, die Szene filmreif für mich gestaltet. Dafür möchte ich dir danken. Einen kleinen Traum hast du mir damit erfüllt. Natürlich meinte ich damals, es wäre der grösste Traum, den ich je hätte träumen können, und vermutlich war es das auch. Rückblickend muss ich aber sagen, dass du auch da Recht hattest. Es gibt tatsächlich wichtigere Dinge im Leben als einen berauschenden Heiratsantrag zu bekommen und die Sehnsüchte, die ich heute verspüre, gehen um einiges tiefer. Trotzdem denke ich gerne daran zurück, auch wenn meine Reaktion so gar nicht filmreif war. Erinnerst du dich? Erst dachte ich, du wolltest dich über mich lustig machen. „Willst du mich verarschen?“ fragte ich dich, „Das wäre nämlich nicht lustig.“ Nein, wolltest du nicht. Dir war es ernst. Dir, der du nie jemanden hattest ehelichen wollen, mir immer wieder erklärt hattest, das würde dir nichts bedeuten, du sähest darin weder einen Vorteil noch einen Sinn. Über die Gründe deines Umdenkens möchte ich hier keine Vermutungen anstellen. Sicher ist jedoch, dass sich bei dir ein grosser Sinneswandel vollzogen hatte.

Zwei Jahre waren wir verlobt. Das mag ungewöhnlich klingen, doch es hatte etwas sehr Schönes. Es war eine ganz besondere Art des Dazwischenseins. Zwar hatten wir einander versprochen, den ganz grossen Schritt zu wagen, die ganz grosse Bindung einzugehen, doch der Tag, an dem diese Zusicherung rechtsgültig werden würde, war noch fern. Rückblickend muss ich sagen, dass diese zwei Jahre mitunter die romantischsten waren, die ich bisher mit dir habe verbringen dürfen. Dies lag paradoxerweise aber nicht zuletzt daran, dass es in dieser Zeit erneut zu einer räumlichen Trennung kam.

Meiner damals angestrebten Karriere wegen fuhr ich nämlich einmal mehr für ein paar Monate ins Ausland. Während ich im schottischen St Andrews über meinen Büchern hockte, reistest du quer durch Südamerika und erfülltest dir deinen Herzenswunsch, einmal im Leben die Galapagos Inseln zu besuchen. Und diesmal mochte ich dir dieses Erlebnis aus tiefster Seele gönnen, auch wenn ich dich schmerzlich vermisste. Ich ging einigermassen lustlos meiner Arbeit nach, fuhr ab und zu nach Edinburgh, sass dort in der Bibliothek und färbte mir die Finger mit fünfhundertjähriger Druckerschwärze dunkel, während du dich am Strand sonntest und mit Haien tauchtest. Auf einem der heute zahlreichen sozialen Netzwerken postete ich damals folgenden Eintrag: “Entfernung Galapagos – St Andrews: rund 10’000km. Zeitverschiebung: 7h. Überbrückung mit Skype Videoanruf: gratis und dennoch unbezahlbar”. Tatsächlich skypten wir so oft es eben ging, auch wenn es bei mir 2:00 Uhr nachts war. Während wir uns zu Hause manchmal miteinander gelangweilt hatten und uns gegenseitig auf die Nerven gegangen waren, durften wir einmal mehr erleben wie es ist, wenn man sich über jede noch so kleine Nachricht freut wie ein Honigkuchenpferd. Trotz aller Sehnsucht und Einsamkeit im fernen Schottland, fühlte ich mich dir, meinem Verlobten in der Ferne, wieder sehr nahe und besann mich auf die Eigenschaften, die ich am Meisten an dir schätzte. Manchmal im Leben braucht die Liebe ein Bisschen Distanz, um frischen Wind zu bekommen.

Im darauffolgenden Sommer gaben wir uns schliesslich das sagenumwobene Eheversprechen. Allerdings gelobten wir einander nicht die ewige Treue. Dafür gibt es nämlich keine Garantie. Das einzige, was ich dir ehrlich zusichern konnte, war, dass ich dich gehen lassen würde, wenn es dich künftig wieder in die Ferne ziehen würde. Ich versprach dir die Freiheit und daran versuche ich mich noch heute zu halten. Es fällt mir nicht immer leicht, das muss ich gestehen. Doch ich weiss, der Tag wird kommen, an dem du einmal mehr wirst zu neuen Horizonten aufbrechen wollen. Dann werde ich mich auf mein Versprechen besinnen und dich ziehen lassen. Denn nur wenn er genügend Freiraum erfährt, kann der Mensch sich entfalten.

Briefe an meinen Mann 1

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Briefe an meinen Mann 11

 


Briefe an meine erste Liebe 1

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