Briefe an meinen Mann 5

Von Verzicht und Freiheit

Im darauffolgenden Jahr machten wir getrennt Urlaub. Erinnerst du dich? Ich verwirklichte meinen Traum vom Big Apple und du reistest gleichzeitig mit einem Freund durch Südafrika. Man mag sich fragen, warum wir denn nicht beides gemeinsam machten? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach, nicht wahr? Wir hatten uns nicht einigen können. Zum ersten Mal. Ich wollte das eine, du das andere. Nur war es eben nicht ganz so einfach, zumindest nicht für mich. Genaugenommen wolltest du das andere nämlich nicht unbedingt. Du wolltest nur das, was ich wollte, partout nicht und überlegtest dir dann eine Alternative. Das tust du oft. Du liebst Alternativen. Inzwischen weiss ich das. Damals irritierte es mich noch.

Bis dahin hatten wir stets eine passende Lösung finden können, wenn wir unterschiedlicher Meinung gewesen waren. Wie bei unserem Umzug ins Aargauische Exil hatten wir eigentlich immer Kompromisse schliessen können, die für beide Seiten zu verkraften waren. Meistens allerdings, so mein Empfinden, hatte ich die grösseren Abstriche gemacht und dies aus dem einfachen Grund, weil ich es eher gewohnt war als du, meine Wünsche und Träume hintenanzustellen oder sie erst gar nicht offen auszusprechen. Im Gegensatz zu mir, warst du es gewöhnt, alles vom Leben zu bekommen, was du dir wünschtest. Dafür konntest du nichts und es freute mich sehr für dich, auch wenn ich dich oft darum beneidete.

Schmerz ist subjektiv und in der Relation gesehen ist das eigene Leid oft gar nicht so gross wie man denkt. Trotzdem würde ich sagen, dass mein Leben bevor wir uns kennenlernten kein einfaches gewesen war. Zwar hatte ich immer ein Dach über dem Kopf gehabt und war immer wohlgenährt gewesen, doch an Wutausbrüchen, Beschimpfungen, Heuchelei, unschönen Trennungen, Depressionszuständen und Existenzängsten hatte es in meinem Umfeld wahrlich nicht gemangelt. Ich war nicht so behütet aufgewachsen wie du. Streit war bei uns an der Tagesordnung gewesen. Ich hatte immer alles gehabt, was ich brauchte, aber eben nicht immer das, was ich wollte. Der Mensch, der junge Mensch vor allem, will ja so vieles, nicht wahr? Mit Entbehrung kannte ich mich um einiges besser aus als du.

Im Sommer 2010 aber, war ich erstmals nicht kompromissbereit. Nein, ich wollte mich durchsetzen. Ich hatte gerade meinen Master gemacht, hatte Abitur und Studium ohne Pause absolviert und redete mir lächerlicherweise ein, ich hätte mir die lang ersehnte USA Reise verdient. Du weigertest dich aber, selbige mit mir zusammen anzutreten. Du wolltest da nicht hinfahren, auch nicht mir zuliebe. Damals kränkte mich das. Ich fühlte mich nicht ernst genommen, nicht gehört mit meinen Wünschen und Sehnsüchten. Lange glaubte ich, der grösste Liebesbeweis sei es, sich für seinen Partner oder seine Partnerin aufzuopfern, ihm oder ihr alles zu geben, alles für ihn oder sie zu tun. Womöglich hatte ich mir diese Vorstellung aus Hollywoodfilmen und romantischen Schmökern zusammengeschustert. Vielleicht kam es aber auch daher, dass ich ebendieses, zugegebenermassen idealisierte, Verhalten von zu Hause so gar nicht kannte, es mir aber herbeisehnte. Lange war ich selbst bereit gewesen, dieses Prinzip zu leben und alles für dich zu tun. Ich erwartete dasselbe allerdings auch von dir. Deswegen war ich so enttäuscht, als du dich mir nicht fügen wolltest.

Inzwischen habe ich jedoch erkannt, dass Träume manchmal auch alleine gelebt werden dürfen, können und müssen. Verzicht aus falsch verstandener Selbstaufopferung ist selten ratsam, genauso wenig wie Fügung um des Friedens willen. Liebe bedeutet nicht sich für den anderen zu verbiegen, sich selbst zu verleugnen. Liebe bedeutet loszulassen, Freiheit zu schenken, sich selbst und dem anderen. Ohne dir dessen bewusst zu sein, hast du mir das beigebracht und dafür danke ich dir. Wenn ich damals nicht ohne dich losgezogen wäre, würde ich dir das heute noch nachtragen. Und wenn du mit mir mitgekommen wärst, hättest du zehn Tage lang in der brütenden New Yorker Hitze gelitten und mir meinen Traum mit deiner Miesepetrigkeit gründlich ruiniert.

Briefe an meinen Mann 1

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Briefe an meinen Mann 11

 


Briefe an meine erste Liebe 1

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