Briefe an meinen Mann 4

Von Eifersucht und Heimweh

Dann, 2009, kam die erste grosse Krise, das erste grosse Tief. Ich wünschte, ich könnte sagen, es wäre auch das letzte gewesen, aber das war es leider nicht. 2009 war für mich ein schwieriges Jahr mit dir. Erst kam die Schottlandreise, dann dein Aufenthalt in Griechenland, dann das Zusammenziehen. Erinnerst du dich? Ersteres war im Grossen und Ganzen sehr schön, nur kam es dort schon zu Streitereien. Es ist natürlich nicht so als hätten wir vorher keine Meinungsverschiedenheiten gehabt. Dennoch erreichten wir in diesen Ferien eine ganz neue Ebene an Auseinandersetzung, die wir so vorher nicht gekannt hatten. Ich erinnere mich, wie einer unserer beiden Reisegefährten in Schottland, der von der Lautstärke unserer Diskussionen nicht verschont blieb, zu mir sagte: „So lange seid ihr nun auch noch nicht zusammen. Da solltet ihr liebevoller miteinander umgehen“. Er war ein weiser Mann und er hatte Recht. Natürlich. Im Anschluss habe ich lange über seine Worte nachgedacht. Uns beiden, ich bin mir nämlich sicher, dass es dir ähnlich ging, kamen die ersten Trennungsgedanken.

Mein Vater warnte mich einst vor dem Alltagstrott, der Langeweile, der Selbstverständlichkeit, die sich nach ein paar Jahren in so manche Beziehung einschleichen. Auch wir blieben davon nicht verschont. Tatsächlich legten sich die Schmetterlingsgefühle langsam und wir begannen allmählich auch die berühmt berüchtigten, und von vielen gefürchteten, Ecken und Kanten aneinander zu sehen. Plötzlich konnten wir einander ganz schön auf die Nerven gehen, fingen an uns gegenseitig zu sticheln. Nicht oft, aber es kam. Als du dann im selben Sommer alleine für einen Monat auf unsere griechische Insel fuhrst, wurde es schwierig.

Einerseits vermisste ich dich und andererseits war ich auch frustriert, weil ich nicht hatte mitfahren können. So kam es dann, dass ich so gar nicht erfreut war, als du mir erzähltest, du würdest dort mit einer hübschen Kanadierin zusammenarbeiten. „Gefällt sie dir?“ fragte ich über Skype. „Ja,“ sagtest du. Es war eine ehrliche Antwort und heute danke ich dir dafür, dass du mir immer die Wahrheit sagtest. Damals aber wäre mir eine Lüge lieber gewesen. Du hast immer beteuert, dass die junge Dame dir zwar gefiel, dass aber nichts mit ihr gelaufen sei. Ich glaubte dir auch und ich glaube dir noch.

Später allerdings, als du wieder zu Hause warst, tauchten die Fotos auf. An dieser Stelle möchte ich die sozialen Medien gerne verfluchen. Sie sind ein Segen, das kann ich nicht abstreiten, denn ohne sie hätten wir uns wahrscheinlich gar nicht erst kennengelernt. Doch manchmal machen sie einem das Leben unnötig schwer. Du hast diese Fotos nicht gepostet, aber sie. Eigentlich war nichts Schlimmes darauf festgehalten worden. Es handelte sich grösstenteils um ein paar harmlose Partyfotos, auch wenn besagte Dame auf allen Bildern sehr dicht bei dir stand. Das alleine war es natürlich nicht, das mich stutzig werden liess. Es waren die Bilder, die zweifelsohne bei einem zweisamen Shooting bei Sonnenauf- oder -untergang am Strand entstanden waren. Auch hier war an und für sich nichts Verfängliches zu sehen. Nur war mir sofort klar, dass diese Frau sich in dich verliebt hatte. Daran gab und gibt es bis heute keinen Zweifel. Auch du konntest und kannst es nicht abstreiten. Das war es, was mich eifersüchtig werden liess. Zum ersten, und ich möchte meinen einzigen, Mal in unserer langen Beziehung war ich ernsthaft, ganz ernsthaft, eifersüchtig. So sehr du auch beteuertest, dass nichts weiter war zwischen euch, dass ihre Gefühle einseitig gewesen waren, liess ich dich meine Eifersucht trotzdem spüren.

Es war unreif von mir und kindisch, doch so war es. Ich liess es dich so sehr spüren, dass ich erst gar nicht mit dir zusammenziehen wollte, als du mich wenige Monate später danach fragtest. Dieser Sommer und Herbst waren überschattet von der ersten Bitterkeit, den ersten Gifteleien zwischen uns. Trotzdem liess ich mich von einem erneuten Zusammenleben überzeugen und wir begannen mit der Wohnungssuche. Mich zog es nach Bern, in meine Heimatstadt, die ich schon damals sehr liebte. Dich aber zog es in Richtung Luzern, weil du in der Region arbeitetest. So schlossen wir einen Kompromiss und liessen uns im Aargau nieder. Wenn schon jemand pendeln musste, einigten wir uns, dann beide.

Ich will nicht sagen, dass es nicht schön war, mit dir dort zu leben. Das war es nämlich, trotz allen Problemen, die wir in diesem Jahr gehabt hatten. Mein Herz sehnte sich aber nach meinem zu Hause und später warf ich dir vor, ungerechterweise, mich gegen meinen Willen ins Exil geschleppt zu haben, deinem beruflichen Vorankommen wegen. So war es natürlich nicht, ganz und gar nicht, doch Heimweh ist, wie die Eifersucht, nicht rational. Es ist noch ungewohnt, so öffentlich zu diesen Dingen zu stehen, zu mir wie ich damals war, doch ich schreibe diesen Brief, weil ich dir danken möchte. Ich danke dir, dass du beides ausgehalten hast, dass du trotz meiner infantilen Gefühlsausbrüche, mit denen ich dich zunehmend bedachte, immer zu mir gehalten hast. Heute sehe ich viele Dinge anders, viel gelassener, viel aufgeschlossener. Ich habe, so will ich zumindest hoffen, einiges dazugelernt. Eifersüchtig bin ich nicht mehr und auch Heimweh brauche ich ja nun nicht mehr zu haben. 2009 aber lagen die Dinge anders. 2009 war ich noch nicht soweit.

Zum ersten Brief

Zum zweiten Brief

Zum dritten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum siebten Brief

Zum achten Brief

Zum neunten Brief

Briefe an meinen Mann 10

Briefe an meinen Mann 11

 


Briefe an meine erste Liebe 1

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s