Briefe an meinen Mann 3

Die Zeit der Unschuld

Die ersten zwei bis drei Jahre verbrachten wir in einer Art Taumel. Wir waren oft und gerne zusammen unterwegs, machten unzählige Fotos von unseren gemeinsamen Abenteuern. Wenn ich mir sie heute so ansehe, erkenne ich uns kaum wieder. Und doch weiss ich, dass wir das sind. Nur waren wir jung, sehr jung. Mit Anfang zwanzig hatten wir alles noch vor uns. Das Leben lag uns zu Füssen, alles war noch offen. Für uns beide, für dich und mich als Paar, war es eine sorglose Zeit. Erinnerst du dich? Es war eine Zeit der Unschuld und damit meine ich nicht, dass wir abstinent gewesen wären, denn das waren wir ganz und gar nicht. Wir waren aber unschuldig in der Art wie wir einander damals begegneten. Es gab kaum Streit und wenn, dann nur Kleinigkeiten wegen. Natürlich war nicht alles nur eitel Sonnenschein, doch im Grossen und Ganzen überwiegte eindeutig die Freude aneinander. Nie hätte einer den anderen absichtlich verletzt.

So bezogen wir im bitterkalten Winter 2008 zu Studienzwecken erstmals eine gemeinsame Wohnung in Irland. Vier Monate verbrachten wir im Landesinneren, machten viele Ausflüge und durften erfahren, wie sich ein gemeinsames Leben wohl anfühlen mochte. Auch dort fühlte ich mich frei und erwachsen. An dieser Stelle drängt sich mir ein Schmunzeln auf, denn wir waren alles andere als erwachsen. Dazu gehört mehr als die eigene Wohnung, als vom elterlichen Heim losgelöst zu sein. Erwachsen zu sein heisst sich selbst zu kennen, mit Schwächen und Stärken. Es heisst Verantwortung zu tragen für sich und andere, für sein Tun und Handeln, zu seinen Fehlern zu stehen und daraus zu lernen. Von alldem wusste ich damals noch nichts. Das kam erst später.

Zu jener Zeit glaubte ich aber tatsächlich, wir wären den Kinderschuhen nun endgültig entwachsen, dass wir wüssten, was wir wollten. Vielleicht taten wir das auch. Wir lebten im Jetzt und ohne viele Gedanken an morgen zu verschwenden. Damals in Irland nahmen wir die Dinge wie sie kamen, taten was uns gefiel, liessen uns treiben von Ost nach West, von Nord nach Süd. Heute, da uns die Unschuld, die Schwerelosigkeit dieser ersten Jahre, abhandengekommen ist, fällt uns das zunehmend schwer, doch davon später mehr. In diesem Brief hier möchte ich dir danken für diese unbeschwerte Zeit, für die grenzenlose Liebe, die du mir entgegenbrachtest und für deine Abenteuerlust, die mir noch immer neue Horizonte eröffnete, von denen ich nie geglaubt hätte, dass ich sie je erreichen würde.

Zum ersten Brief

Zum zweiten Brief

Zum vierten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum siebten Brief

Zum achten Brief

Zum neunten Brief

Briefe an meinen Mann 10

Briefe an meinen Mann 11

 


Briefe an meine erste Liebe 1

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