Briefe an meinen Mann 2

Griechischer Wein und Freiheitsgedanken

Nur ein paar Wochen nach unserer ersten Begegnung wartete ich erneut auf dich. Diesmal warst du aber nicht zu mir gereist sondern ich zu dir. Es war der kleinste Flughafen, den ich bis dahin gesehen hatte. Ich war noch nie in Griechenland gewesen, hatte keine Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Rückblickend muss ich sagen, dass mein Besuch bei dir doch recht waghalsig war. Meine Familie war so gar nicht begeistert, als ich ihnen erzählte, dass ich einen mir fast fremden Mann in einem mir gänzlich fremden Land besuchen wollte. Doch blauäugig wie ich eben war, hätte ich dir mein Leben anvertraut. In gewissem Masse habe ich das auch, nicht wahr? Es war nämlich von Anfang an geplant, dass ich bei dir übernachten würde, denn fürs Hotel hatte mein Geld nicht gereicht. Der Flug alleine hatte meine Ersparnisse so ziemlich aufgebraucht. Es war aber die beste Investition meines Lebens. Denn was mich dort erwartete, auf dieser entlegenen Insel im Mittelmeer, war besser, schöner und grösser als ich es mir je hätte erträumen können.

Ich sass also an diesem kleinen Flughafen und wartete auf dich. Wieder war ich nervös und wieder war es ein sehr angenehmes Gefühl. Ich wartete länger als gedacht, doch dann, endlich, fuhrst du vor, nur in deine rote Badehose gewandet, braungebrannt, den Arm lässig aus dem Fenster gelehnt. Ja, so warst du, sorglos und lebensfroh. Sehr schnell verliebte ich mich in deine Art, die so ganz anders war als meine, und als du mich am selben Abend zum Essen ausführtest, in der Taverne am Strand, mir griechischen Wein serviertest und mir das Gefühl gabst, es gäbe nichts Wichtigeres auf der Welt als mit mir zusammen dort zu sitzen, war es um mich geschehen. Du warst charmant, höflich und achtungsvoll. Lange, lange hast du gewartet in dieser Nacht bis du mich schliesslich küsstest. Dafür danke ich dir. Du warst nicht in Eile, hattest keine Hintergedanken. Du warst einfach du selbst und es war schön mit dir.

Danach schenktest du mir die wunderbarsten zwei Wochen meines Lebens. Ich war kaum zuvor gereist und nie alleine. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich frei. Ich fühlte mich lebendig und ich fühlte mich erwachsen mit meinen einundzwanzig Jahren. Du schenktest mir die Welt und auch dafür danke ich dir. Es war alles ganz einfach mir dir, weil du keine Erwartungen an mich oder an das Leben stelltest. Du warst allem und allen wohlgesinnt. Das kannte ich so nicht, doch es behagte mir sehr und wärmte mein Herz. Mit dir fing das Leben an.

Als ich nach Hause fuhr, ohne dich, glaubte ich, die Trennung von dir nicht überstehen zu können. Was du mir aber mitgabst war dein gelbes T-Shirt, an dem ich Nacht für Nacht schnupperte, um mir deinen Duft noch etwas länger zu erhalten, und die Gewissheit, dass auch du bald wiederkommen würdest. Ende September desselben Jahres war die Wiedersehensfreude dann gross. Allerdings, du wirst dich erinnern, brach ich nur wenige Tage später zum Auslandsemester nach Paris auf. Schlechter hätte das Timing kaum sein können. Doch meine Mutter meinte nur: „Wenn eure Liebe auch diese Trennung übersteht, dann könnt ihr gemeinsam alles schaffen.“ So kam es dann auch, nicht wahr? Die junge Beziehung hielt und du kamst mich alle paar Wochen in Paris besuchen. Zusammen erkundeten wir die Stadt, fuhren auf jeder Metrolinie, sahen uns alle berühmten Bauwerke an, taten was Touristen eben so tun und abends liessen wir uns in meiner kleinen Studentenbude von der Liebe tragen. Jedes Mal, wenn du nach Hause fuhrst, vermisste ich dich schmerzlich. Glücksgefühle und erdrückende Einsamkeit lösten sich ab, auf jede Höhe folgte ein Tief. Ich danke dir, dass du da warst wann immer du konntest, mit mir zusammen in der Stadt der Liebe.

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Briefe an meinen Mann 10

Briefe an meinen Mann 11

 


Briefe an meine erste Liebe 1

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