Briefe an meinen Mann 1

Von Libellen und Aarewasser

Weisst du noch wie wir uns das erste Mal sahen? Es war im Sommer 2006. Ich stand beim Marzilibähndli und wartete auf dich. Ich war nervös, unglaublich nervös sogar. Es war aber ein ganz angenehmes Gefühl und als du dann tatsächlich auf mich zukamst, lachte mein Herz vor Freude. Es lachte, weil es vermutlich schon da spürte, dass ich dir vertrauen konnte. Womöglich trugst du das gelbe T-Shirt, das ich später so mochte, vielleicht aber auch nicht, das weiss ich nicht mehr. Sicher ist, dass ich bereit war für eine neue Liebe und meine Türen für dich weit offen standen.

Dicht aneinander gedrängt fuhren wir im übervollen Bähndli in Richtung Aare. So lernt man sich kennen, dachte ich. Ich sah zu dir auf und du schenktest mir ein wunderbares, aufrichtiges Lächeln. Doch je mehr du mir gefielst, und das tatst du mit jeder Sekunde mehr, desto unsicherer wurde ich. Ich war damals nicht sonderlich selbstbewusst. Zwar hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Beziehungen hinter mir, doch kaum eine davon hatte meinem Selbstwertgefühl wirklich gut getan. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, denn wann ist Unsicherheit schon attraktiv? Hast du es mir angesehen? Vielleicht. Du bist aber ein Mensch, der sich kaum um solche Nichtigkeiten kümmert.

Wahrscheinlich führten wir ein Bisschen Smalltalk, sprachen über das Wetter (es war ein sehr heisser, sonniger Tag), über dein Studium (es standen Prüfungen an), über mein Studium (auch da gab es noch einiges zu verrichten), über deine Stadt (die ich bis dahin noch kaum kannte) und über meine (die du sehr wohl kanntest). Anfangs muss es ein belangloses Gespräch gewesen sein, doch das machte mir nichts aus. Alles hättest du mir erzählen können und es hätte mich brennend interessiert. Irgendwann erwähntest du, dass du den Rest des Sommers in fernen Landen verbringen wolltest. Am kommenden Samstag schon, wolltest du losziehen, um auf einer Tauchbasis zu arbeiten und neue Leute kennenzulernen. Am Samstag schon? Kurz war ich enttäuscht. „Komm mich doch dort besuchen,“ sagtest du, während wir unsere Arme mit dem kühlen Aarewasser beträufelten. Es war einfach nur so dahingesagt und ich ging auch nicht weiter darauf ein. Ich hatte es aber gehört.

Und dann, als wir still nebeneinander im Wasser trieben, kam die Libelle. Erinnerst du dich? Als ob sie mir ein Zeichen geben wollte, liess sie sich auf deinen Kopf nieder, sass dort und liess sich mit dir zusammen flussabwärts tragen. Ich musste lachen. „Was ist?“ fragtest du. „Nichts. Du hast da nur was,“ sagte ich und kam dir näher. Sachte verscheuchte ich dies kleine, zauberhafte Geschöpf und lächelte. Wir sahen uns in die Augen und waren ganz beieinander. Es war der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte, nicht wahr? Und wann immer eine Libelle an mir vorbeigleitet, denke ich noch heute an diesen Moment zurück, mal freudig, manchmal aber auch wehmütig.

Es sind viele Jahre vergangen seither. Damals ahnte ich nicht, welches Glück mir mit dir bevorstand. Ich ahnte aber auch noch nichts von dem Schmerz, den wir einander später zufügen würden. Ich sah nur die erste Höhe, damals im Marzili, nicht aber das Tief, das sich dahinter verbarg. Es ist der Liebe jedoch so eigen, zu Beginn erst einmal hohe Wellen zu schlagen. So kann ich im nächsten Brief von der Zeit meines Lebens berichten, die ich mit dir zusammen verbringen durfte, in fernen Landen, wo ich dich schon bald besuchen kam. Ich danke dir.

Zum zweiten Brief

Zum dritten Brief

Zum vierten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum siebten Brief

Zum achten Brief

Zum neunten Brief

Zum zehnten Brief

Zum elften Brief

 


Briefe an meine erste Liebe 1

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