Briefe an meine erste Liebe 8

Vom Loslassen: dein Wort in meinem Herzen

Die Jahre zogen ins Land und seit diesem letzten, tränennassen Kuss, damals am Muristalden, habe ich dich nur ein einziges Mal wieder gesehen. Zufällig kam ich am Treffpunkt im Bahnhof vorbei, als du mit deinem Bruder dort auf jemanden wartetest. Ihr unterhieltet euch und lachtet. Kurz wollte ich mir einreden, ich hätte dich mir nur eingebildet, dass du es gar nicht warst. Aber nein, du warst es ganz sicher. Ich hätte dich immer und überall erkannt. Nur leider brachte ich nicht den Mut auf, zu dir zu gehen und dir hallo zu sagen. Es war so viel Zeit vergangen. Jahre. Viele Jahre. Wir beide hatten jemanden kennengelernt in der Zwischenzeit, ich einen wunderbaren Mann und du eine wunderbare Frau und sie machten uns glücklich. Sie schenkten uns das, was wir einander nicht hatten geben können. Auch ihnen gebührt an dieser Stelle Dank. Über sieben Ecken hatte ich gehört, dass du geheiratet hattest. Das hatte ich auch. Mein Mann und ich erwarteten gerade unser Wunschkind. Hochschwanger ging ich also an dir vorüber ohne ein Wort an dich zu richten. Heute bereue ich das, aber damals konnte ich nicht anders. Ich hätte nicht gewusst, wie ich auf dich hätte zugehen sollen.

Als unser Kind dann schliesslich zur Welt kam, fingen die Träume an. Ja, du weisst welche. So eine Geburt kann einen ganz schön aus der Bahn werfen. Das konnte ich mir in diesem Ausmass vorher nicht vorstellen. Wieder begann für mich eine Zeit der Suche und der Selbstfindung. Alle paar Monate, und dann alle paar Wochen, träumte ich von dir. Ich träumte, ich wolle dringend mit dir sprechen, meine Gefühle für dich und meine Beziehung zu dir endlich ins Reine bringen. Das hatte ich nämlich nie getan. Wir hatten uns nach unserem letzten Treffen nie ausgesprochen, einander nichts erklärt. Beide gingen wir unserer Wege ohne grosse Worte über den Schmerz zu verlieren, den wir zweifellos beide mit uns trugen. So gingen, wie eingangs erwähnt, die Jahre ins Land.

Je öfter ich später von dir träumte, desto mehr verspürte ich schliesslich den Drang, mich bei dir zu entschuldigen. Ich musste es einfach tun. Ich musste es tun, um dich endlich loslassen zu können, um mich nicht mehr an dir festhalten zu müssen. So schrieb ich dir. Und du antwortetest mir. Du wolltest dich nicht mehr mit mir treffen, was ich durchaus verstand. Doch wir sprachen uns aus. Kurz nur, aber wir taten es. Wir haben uns, nach all den Jahren, gegenseitig um Verzeihung gebeten und wir haben beide verziehen. Und dafür danke ich dir aus tiefster Seele. Denn danach träumte ich nur noch sehr selten von dir. Und jetzt war es auch nicht mehr verstörend sondern schön, dir so zu begegnen, weil ich wusste, dass ich damit nicht alleine war. Du hattest nämlich auch von mir geträumt, ab und zu. Weil das, was wir miteinander teilten, damals, vor langer, langer Zeit, ein Teil von uns geworden war.

Irgendwann einmal, ich kann die Situation nicht mehr hervorholen, denn auch sie liegt viele Jahre zurück, hast du mir folgende Zeilen geschrieben:

„Du bist wie eine Rose. Ein kleines Bisschen bist du schon offen und eines Tages wirst du zu einer wunderschönen Pracht erblühen. Ich liebe dich.“

Diese Worte, für die ich mich bereits bei dir bedankt habe, trage ich bis heute in meinem Herzen. Sie geben mir Hoffnung. Und manchmal, wenn ich mich im Spiegel betrachte, frage ich mich: bin ich denn schon erblüht? Bin ich schon das Beste und Schönste, das ich sein kann? Bisher habe ich diese Fragen nicht mit ja beantworten können, doch ich bin zuversichtlich, dass es irgendwann, eines Tages eben, möglich sein wird. Und dafür danke ich dir. Du warst es, der mir diese Zuversicht mit auf den Weg gab. Und jetzt? Jetzt lasse ich dich los. Was bleibt ist die Erinnerung an die erste Liebe, die erste Liebe in all ihrer Zartheit und all ihrer Zerbrechlichkeit. Leb wohl.

Briefe an meine erste Liebe 1

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