Briefe an meine erste Liebe 7

Vom Festhalten

Nach deinem Abitur sahen wir uns lange nicht mehr. Du gingst nach Zürich zum Studium, ich blieb an Ort und Stelle. Das tat ich auch im übertragenen Sinn, denke ich. Für mich folgte eine Zeit der Suche und Selbstfindung. Ich suchte so vieles, fand aber nur weniges, auch mich selbst nicht. Du hattest nämlich ein Stück von mir mitgenommen. Vielleicht sogar das Beste von mir. Nicht dass du es mir gestohlen hättest. Nein, so war es nicht. Es gehörte nur einfach dir.

Dann begegneten wir uns unerwartet wieder, dort wo alles angefangen hatte. Inzwischen muss ich achtzehn oder neunzehn gewesen sein. Genau weiss ich das nicht mehr. Ich weiss nur, es war Herbst und du trugst eine braune Wildlederjacke, die mir nicht gefiel. Irgendwie passte sie nicht zu dir, war zu erwachsen für den Jungen, den ich einst kannte. Nach wie vor fühlte ich mich zu dir hingezogen, denn was wir gemeinsam erlebt hatten war ein Teil von uns beiden geworden. Lange redeten wir und ich stellte fest, schmerzlich, dass du dich verändert hattest. Ich sage schmerzlich, weil du dich mir in vielen Dingen angeglichen hattest. Was du mir damals im Café sagtest hättest du mir jetzt nicht mehr gesagt. Getrennt voneinander, so merkten wir, hatten wir uns einander wieder genähert. Mich wühlte diese Erkenntnis sehr auf.

Später, es mag noch am selben Abend gewesen sein, küssten wir uns wieder. Es geschah im Dunkel der Nacht auf einer Parkbank am Muristalden, von wo man das gesamte Weltkulturerbe der Berner Altstadt überblicken kann. Romantisch eigentlich, nicht wahr? Es hätte sehr schön sein können und womöglich war es das auch. Nur fing ich an zu weinen. Erinnerst du dich? Ich wollte dich küssen, ich war es ja auch gewesen, die an diesem Abend den ersten Schritt gemacht hatte, doch ich konnte es nicht. Nicht mehr. Es war nicht mehr so einfach wie es einmal war. Es war zuviel geschehen, ich hatte zuviel gesucht. Nach dir in anderen. Jetzt warst du da und ich fand dich auch in dir nicht mehr. Trotz aller Veränderung, trotz allen Angleichens nicht. Wahrscheinlich gerade deswegen nicht. Es war zu spät, sollte nicht mehr sein. Es betrübt mich, das so zu sehen, aber es ist wahr. Manchmal soll es einfach nicht sein. Das heisst nicht, dass die Liebe nicht ist. Es heisst nur, dass sie manchmal nicht gelebt werden kann.

Danach kamst du noch mit zu mir. Du sassest auf meinem Bett und ich lag neben dir, hielt dich eng umschlungen fest. Ich vermisste dich und konnte noch nicht loslassen. Was dir damals durch den Kopf ging, weiss ich nicht. Ich will auch gar keine Vermutungen anstellen. Ich weiss nur, dass ich dich noch immer liebte, auf eine ganz besondere, schwierige Weise, die ich dir aber nicht erklären konnte. Und so schwiegen wir. Ich danke dir, dass du da warst und ich mich noch einmal an dir festhalten durfte.

Ein letzter Brief wird noch folgen. Du weisst vermutlich, wovon er handeln wird. Ich werde ihn dir schreiben und ihn hier für dich ablegen, auch wenn du ihn nicht lesen wirst. Und wenn doch, möchte ich dir sagen, dass alles gut ist so wie es ist. Ich danke dir.

Zum ersten Brief

Zum zweiten Brief

Zum dritten Brief

Zum vierten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum achten und letzten Brief

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