Briefe an meine erste Liebe 6

Und dann der Schmerz

Und dann kam er, der grosse Schmerz. Auch uns ereilte das Schicksal, das so viele Liebende trifft, unerwartet und plötzlich. Ein falsches Wort, ein böser Blick, Enttäuschung, Frust. Eine Trennung im Schlechten, nicht im Guten. Nie hätte ich geglaubt, dass wir uns derart entfremden und verletzen würden. Ich dachte nicht, dass wir des Streites fähig wären und doch waren wir es. Der Traum, den wir lebten, zerbrach und entglitt uns. Von einem Tag auf den anderen sah ich dich in einem anderen, wenig schmeichelhaften Licht. Plötzlich warst du streng und kühl und ich vermisste den Jungen, der mich am SBB Bahnhof gewärmt hätte, wenn ich ihn darum gebeten hätte. Mehr als zwei Jahre waren vergangen seit dieser kalten Winternacht, in der wir in völligem Einklang beieinander sassen. Wir hatten uns gewandelt, waren älter, reifer, ernster geworden.

              So kam es, dass wir uns im Café gegenübersassen und ich dich mit offenem Mund ansah. „Bitte?“ fragte ich entsetzt. „Ja also, ich mein ja nur,“ sagtest du, „vielleicht ist es eine Strafe Gottes oder so.“ Ich traute meinen Ohren nicht. Wie konntest du nur so denken? Doch, ich weiss schon, wir beide waren so aufgewachsen, mit diesem Gedankengut. Schon klar. Nur, wie konntest du? Dies war er also, der Moment, in dem in meinem Herzen etwas in die Brüche ging, in dem meine Liebe zu dir und mein Glaube an das Göttliche aus den Fugen geriet. Hatten mich deine Worte einst zärtlich berührt, entgleisten sie mich jetzt. Alles stellte ich von da an in Frage, wusste keine Antworten mehr, fand mich ahnungs- und hoffnungslos wieder.

          Kurz darauf trennte ich mich von dir. Ich tat es, nicht weil ich es wollte sondern weil ich es musste.

           Trotzdem traten wir wenig später die lang geplante Gruppenreise nach England an. Weisst du noch? Als gute Freunde wollten wir diese zwei Wochen dort verbringen. Nur waren wir das nicht. Du hattest mich noch nicht losgelassen und ich wollte nicht mehr zurückschauen. So kam es, dass ich mich, flatterhaft wie ich noch immer war, in eine flüchtige Ferienliebschaft stürzte und du missgünstig dich verzehrtest. Damals konnte ich deinen Schmerz nicht nachvollziehen, ihn nicht verstehen. Heute kann ich es. Damals wusste ich es nicht besser. Heute weiss ich sehr wohl, was ich dir damit angetan habe. Aus tiefstem Herzen möchte ich dich dafür um Verzeihung bitten. Und ich danke dir. Meine plötzliche Auseinandersetzung mit dir, so schmerzlich und folgenreich sie für uns beide war, hat mich mir selber näher gebracht.

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