Briefe an meine erste Liebe 5

Wann treffen wir uns?

Weisst du noch wie wir früher immer am Treffpunkt im Bahnhof auf einander gewartet haben? Es war die Zeit des grossen Glücks bei uns. Wir mochten uns sehr und es war schön. Ich dachte, es würde ewig so sein, dass nichts uns je würde entzweien können.

       Wir telefonierten stundenlang, das weiss ich noch. Nicht weil wir uns so viel zu sagen hatten, wir sahen uns ja oft genug, sondern weil wir uns einfach nicht voneinander lösen konnten. Erinnerst du dich? Wie oft lag ich spät nachts im Bett und lauschte der Stille im Hörer während ich darauf wartete, dass du auflegtest, und insgeheim hoffte, du würdest noch einmal etwas sagen? Und wie oft lachtest du dann in die Stille hinein? Ja, so waren wir, hoffnungslos romantisch und unsterblich verliebt. Es war auch die Zeit, in der wir uns physisch sehr nahe kamen, jedoch ohne jemals miteinander zu schlafen. Unschuldig waren wir bei Leibe nicht, ganz sicher nicht sogar, aber eben doch brav genug, um nichts zu überstürzen. Wir hatten alle Zeit der Welt. Wir konnten warten. Das konnten wir gut. Heute ist vieles anders. Es ist alles hektischer geworden. Damals, um die Jahrtausendwende, waren wir gemächlicher unterwegs.

       So kam es eben auch, dass ich eines Tages sehr geduldig auf dich wartete, am Treffpunkt im Bahnhof. Ich stand ganz oben auf der Galerie und blickte auf die vielen Leute hinab, die drei Stockwerke unter mir umherwuselten. Wie oft hatte ich schon dort gestanden und mich auf dich gefreut? Viele Male. Unzählige Male möchte ich meinen. Und du warst immer pünktlich gewesen. Das mussten wir auch sein, nicht wahr? Damals gab es noch keine Handys, keine kurzfristigen Anrufe, Absagen und Ausflüchte. Wenn man sich verabredet hatte, hatte man sich verabredet.

          Nur an diesem einen Tag, da kamst du zu spät. Zuerst nur ein wenig. Dann ziemlich spät. Dann viel zu spät. Und dann gar nicht. Ich wartete. Lange. Sehr lange. Und dann ging ich. Du hattest mich versetzt, zum ersten Mal. Und ich? Ich sah meine naiven Ängste und Sorgen bestätigt. Womöglich ist ihm etwas zugestossen? Nein, was für ein unsinniger Gedanke. Vielleicht ist er verhindert? Mag sein, ja. Und wenn er nun gar nicht kommen wollte? Nein, das ist unwahrscheinlich. Und wenn doch? Womöglich mag er mich nicht mehr. Das wäre furchtbar. So gingen die jugendlich übermütigen Pferde mit mir durch und ich befürchtete das Schlimmste.

         Natürlich traf nichts dergleichen zu. Die Erklärung, die du mir später gabst, war die einfachste der Welt. Deine Uhr war stehengeblieben. Akku leer sozusagen. Heute noch muss ich lachen, wenn ich oben auf der Galerie am Treffpunkt stehe und daran denke. Es gibt viele Gründe, warum ich über diese Geschichte lachen muss und alle stimmen sie mich nostalgisch und froh zugleich. Am meisten jedoch muss ich über mich selber schmunzeln und über uns beide, wie wir damals waren. Es war einfach zauberhaft mit dir und dafür möchte ich dir danken. Sag mir, wann treffen wir uns wieder?

Zum ersten Brief

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