Briefe an meine erste Liebe 4

Von Wolkenbruch und Hitzeflimmern

Dann habe ich dir zum ersten Mal wehgetan. Ich wünschte, ich könnte sagen, es wäre auch das letzte Mal gewesen, aber das war es nicht. Erst habe ich es gar nicht gemerkt. Mir war nicht bewusst, was ich tat. Erst als ich deinen Blick sah, den Schmerz in ihm erkannte, wurde mir mit einem Schlag klar, dass ich rücksichtslos gewesen war. Es war im Sommer deines Konfirmationslagers. Erinnerst du dich?

                 Obschon ein Jahr jünger als du, war ich trotzdem mit dabei. Als Babysitterin für die kleinen Kinder der Lagerleitung war ich eingespannt worden. So kam es, dass auch ich ihn kennenlernte, den hübschen Jungen aus Basel. Wie bei so manchem anderen Mädchen löste seine Anwesenheit auch bei mir ein gewisses Hitzeflimmern aus. Heimlich natürlich und unbemerkt. Es bedeutete nichts weiter. Ich mochte dich sehr. Trotzdem brachen wenige Wochen später die ersten Wolken über uns herein, über dich und mich.

                   Er hatte mir einen Brief geschrieben. Mir. Dem Mädchen, das sich nichtig geglaubt hatte bis du es zum Leben erwecktest. Habe ich dir jemals davon erzählt? Ich glaube nicht. Es waren belanglose Worte, die mich nur wenig berührten, und trotzdem kam das Flimmern wieder hoch, als wir ihm an einem Konzert noch einmal begegneten. Lange sah ich ihm nach, wie er hereinspazierte mit einer Selbstverständlichkeit, die seinen Charme nur weiter unterstrich. Ja, ich muss es leider zugeben, nicht wenig oberflächlich war ich damals gestrickt. Dieser gutaussehende Bursche mit seinem fesselnden Lächeln hatte leichtes Spiel bei mir. Ihm selbst war das nicht bewusst. Du aber sahst es mir an. Du hast mich beobachtet wie ich ihn beobachtete. Kurz hatte ich dich vergessen. Kurz hatte ich vergessen, dass du neben mir sassest, oben auf der Galerie, und meinem Blick mühelos folgen konntest. Kurz vergass ich mich selbst, doch nicht kurz genug, damit du es nicht hättest bemerken können. Als ich mich dir wieder zuwandte, stand dir die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. „Und?“ hast du mich gefragt, „hast du dich jetzt sattgesehen an ihm?“. Ich schämte mich sehr.

                    So kamen wir, du und ich, zum ersten Mal in Berührung mit den glühenden, bohrenden Sporen der Eifersucht. Zu Recht klagtest du mich an, auch wenn nichts geschehen war zwischen mir und diesem Jungen. Es war kein Vergehen, kein Treuebruch, sondern meine rücksichtslose Gedankenlosigkeit, die dir das Recht gab verletzt zu sein. Damals bat ich dich um Entschuldigung. Heute danke ich dir für dein Verzeihen. Du mochtest mich mit all meinen Ecken und Kanten, du nahmst mich an mit all meiner Unbedachtheit und all meiner flatterhaften Unbesonnenheit.

Zum ersten Brief

Zum zweiten Brief

Zum dritten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum siebten Brief

Zum achten und letzten Brief

 

2 thoughts on “Briefe an meine erste Liebe 4

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