Briefe an meine erste Liebe 3

Im Schatten der Brücke

Es muss im darauffolgenden Sommer gewesen sein, im Sommer 2000. Ich war fünfzehn. Es war warm. Zu der Zeit gingen wir oft spazieren. Altmodisch, nicht? Ja, so waren wir. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, unterhielten uns stundenlang, sassen in Cafés oder gingen der Aareschlaufe entlang um die Berner Altstadt herum. Vielleicht haben wir dabei Händchen gehalten, vielleicht aber auch nicht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir einfach so nebeneinander hergingen, ganz ohne uns zu berühren. An jenem Tag, von dem ich dir in diesem Brief erzählen möchte, veränderte sich jedoch etwas zwischen uns. Es geschah im Schatten einer Brücke. Erinnerst du dich?

              Es gibt viele Brücken in Bern. Nur du und ich wissen, welche es war. Wir standen uns auf der Treppe gegenüber, in luftiger Höhe, und sahen einander in die Augen. Vermutlich konnte ich deinem Blick nicht lange standhalten, sah zur Seite, zu Boden, überall hin, nur nicht zu dir. Mir war klar, es würde nun endlich dazu kommen. Ich wollte es und ich wusste, du wolltest es auch. Innerlich bebte ich, versuchte vergeblich, mir nichts anmerken zu lassen. Es war der berühmte Moment vor dem Moment. Wir kamen uns näher, zitterten womöglich ein wenig. Gut denkbar, dass du deine Hände an meine Wangen legtest. Und dann war er da, der erste Kuss, der erste richtige Kuss. Alles, was vorher war, zählte plötzlich nicht mehr. Dieser Kuss war anders. Er bewegte etwas in mir. Plötzlich war da so etwas wie Verlangen, gänzlich ungeformtes, mir bis dahin völlig unbekanntes Verlangen, aber es war da.

         Und dann? Dann fühlte ich mich nicht mehr ganz so unschuldig wie vorher. Gemeinsam erkannten wir, dass das Leben noch viel mehr zu bieten hatte als bisher geahnt und dass wir dieses Mehr für uns beanspruchen wollten, dass wir es beanspruchen mussten. Es war ein ganz neues Gefühl von Nähe, von Verbundenheit und Zweisamkeit. Für dieses Gefühl danke ich dir, denn du warst es, der damals bei mir war, der mich in seinen Armen hielt, mich dann an der Hand nahm und mit mir weiterspazierte, der Aare entlang, immer weiter und weiter als gäbe es nichts Wichtigeres als mit mir zusammen dort zu sein.

Zum ersten Brief

Zum zweiten Brief

Zum vierten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum siebten Brief

Zum achten und letzten Brief

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