Briefe an meine erste Liebe 2

Stillstand

Es war in einer kalten Winternacht, vermutlich kurz vor Weihnachten 1999. Der Schnee lag wie eine schwere Decke auf den Strassen. Spät abends sassen wir in Schönbühl am SBB Bahnhof und warteten, auf irgendetwas, auf einen Zug wahrscheinlich. Erinnerst du dich? Wie es dazu kam, dass wir dort sassen, nur wir beide, weiss ich nicht mehr. Ich sehe uns aber ganz deutlich vor mir, wie wir dort beisammen waren, du bei mir und ich bei dir. Um uns war es ganz still. Du trugst eine dunkelblaue Daunenjacke, das weiss ich noch genau. Auch an deinen Duft erinnere ich mich. Es ist wie bei Prousts Tasse Tee und den Madeleines. Jede Erinnerung bringt weitere mit sich. Alle zusammen sind sie tief in mir verankert, irgendwo im nirgendwo meines Seins. Wir sassen ziemlich dicht beieinander, berührten uns aber nicht. Die Hände tief in unseren Taschen vergraben trotzten wir der Kälte, die von allen Seiten an uns nagen wollte.

         „Wenn man friert, soll man sich ganz fest entspannen,“ sagte ich. „Ganz fest?“ „Ja, ich weiss. Ein Widerspruch, nicht wahr?“ Kurz lachten wir. „Geht es denn? Ist dir sehr kalt?“ fragtest du. Ich hätte lügen können. Ich hätte behaupten können, es gehe nicht und du hättest einen Arm um mich gelegt, um mich zu wärmen. Es wäre schön gewesen, sicherlich, und vielleicht hätten wir uns auch geküsst. Wahrscheinlich hätten wir das. „Es geht,“ sagte ich aber, „so schlimm ist es nicht.“ So sassen wir weiter still nebeneinander, betrachteten das Glitzern des Schnees im Licht der Strassenlaternen und schwiegen. Es war die Zeit vor Mobiltelefonen, die Zeit, in der wir noch wussten wie man wartet, wie man sonst nichts anderes tut. Du warst ganz bei mir und dafür danke ich dir. Gefühlte sieben Stunden verharrten wir so, du und ich, und es war schön. Ewig hätte ich dort mit dir verweilen können, in dieser kalten Winternacht. Heimlich wünschte ich mir wahrscheinlich sogar, der Zug möge nie kommen. Und vielleicht, ja ganz vielleicht, kam er auch nicht und wir sitzen immer noch dort und warten. Einfach so, gemeinsam, auf irgendetwas, auf einen Zug, der nicht kommt, und es ist schön.

Zum ersten Brief

Zum dritten Brief

Zum vierten Brief

Zum fünften Brief

Zum sechsten Brief

Zum siebten Brief

Zum achten und letzten Brief

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