Schlaflos – Teil VIII

August

Das Hotelbett quietschte, die Decke lag wie ein Briefbeschwerer auf mir. Das Fenster stand weit offen, doch es ging kein Lüftchen. Nicht einmal der Hauch eines Lüftchens war zu spüren. Und selbst wenn draussen ein Orkan getobt hätte, ich wäre auch ohne diese bleierne Decke bestimmt nicht weggeweht, immerhin brachte ich stolze 105kg auf die Waage, das üppige Dessert von vorhin nicht eingerechnet. Geschmeckt hatte es zwar, es lag mir aber schwerer im Magen als mir lieb war. Warum nur hatte ich Pierre nicht die Wahrheit gesagt? Es wäre ganz einfach gewesen. Ich war da, er war da. Beide waren wir da, hatten Wein getrunken, gut gegessen und vor uns auf dem Tisch lagen zwei sündhaft grosse Crêpes au chocolat mit Sahnehäubchen und Minze Blättchen. Eigentlich war es mehr eine Sahnehaube als ein Häubchen, aber wie dem auch immer sei, die Crêpes lagen ergeben auf ihren Tellern, wir sassen einander einigermassen entspannt gegenüber. Einigermassen – was will man mehr? Das war er, der berühmte Moment der Wahrheit. Pierre konnte es nicht wissen, aber ich wusste es und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass es sogar die Kellnerin wusste, die mich beim Bringen des Desserts mit einem vielsagenden Lächeln bedacht hatte. Nur wie sollte ich Pierre sagen, dass ich mit seiner Frau geschlafen hatte? Zugegeben, das lag schon eine Weile zurück, war also sozusagen Schnee von gestern, doch wie die Dinge lagen, würde ich mein Geheimnis nun doch lüften müssen. Marie hatte Pierre nämlich aus heiterem Himmel gestanden, und dies nach nicht weniger als 18 Jahren, dass ihre gemeinsame Tochter, Julie, womöglich nicht von ihm sei. Pierre hatte mich kurz darauf angerufen und mich gebeten, übers Wochenende nach Paris zu fahren, damit er mir, seinem ältesten Freund, sein Herz über die Untreue und Verlogenheit seiner Frau ausschütten konnte. Blöd nur, dass ich auch Maries ältester Freund war und wir etwa neun Monate vor Julies Geburt, so plus minus, in einer kalten Novembernacht betrunken übereinander hergefallen waren, als Pierre geschäftlich ausser Haus war. Marie hatte sich einsam gefühlt in der grossen Pariser Loft, die er ihr zum vierten Hochzeitstag gekauft hatte, und mich eingeladen für ein paar Tage Seelentröster zu spielen. So lagen die Dinge also.

„Weisst du, ich fasse es einfach nicht,“ schmatzte Pierre, während er sich gierig über sein Crêpe hermachte, „mit wem zum Teufel will sie denn geschlafen haben? Sie kannte doch niemanden hier? Mit dir etwa?“ Er lachte grunzend auf und ass weiter. Kurz war ich beleidigt. War das so schwer zu glauben? Dann freute ich mich innerlich über die Genugtuung, dass Marie tatsächlich mit mir ins Bett gesprungen war, so unwahrscheinlich es Pierre scheinen mochte.

„Tja, keine Ahnung,“ murmelte ich unschuldig und verteilte die Sahnehaube sorgfältig auf meinem Crêpe, „Männer gibt es ja viele in Paris.“

„Ja, aber sie würde doch nie mit einem Fremden … Das würde sie doch nicht, oder?“

„Nein, wo denkst du hin? Marie doch nicht!“

„Na, mit wem denn dann?“

„Hast du sie nicht gefragt?“

„Natürlich hab ich das!“

„Und was hat sie gesagt?“

„Dass ich ihr ohnehin nicht glauben würde, tss …“

Jetzt war ich wirklich beleidigt. Warum denn nicht? So ein schlechter Fang war ich doch gar nicht.

„Tja, also dann war es vielleicht doch jemand, den ihr kanntet?“

„Keine Ahnung, was meinst du denn?“

„Ach, ich weiss nicht. Vielleicht ein gemeinsamer Freund?“

„Wer denn? Eddie? Oder Vincent?“

„Nein, die nicht. Die hat sie nie gemocht.“

„Na eben. Also wirklich, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du warst es.“

„Ich?“

„Du warst es doch nicht, oder?“ Pierre sah mich prüfend an. Es wäre ganz einfach gewesen. Ein einfaches „doch“ hätte genügt. Nur leider fehlte mir der Mut zur Wahrheit. Alles, was ich aufbrachte, war der Mut zur Lüge. „Nein,“ sagte ich bestimmt, „natürlich nicht.“

So lag ich zwei Stunden später also ruhelos unter dem Briefbeschwerer im quietschenden Hotelbett und wünschte mir, ich hätte Pierre die Wahrheit gesagt. Mir war immer klar gewesen, dass Julie meine Tochter sein könnte und manchmal meinte ich, mich in ihr wiederzuerkennen. Sie war ein hübsches Mädchen, ganz die Mama, aber da war auch etwas anderes an ihr, das ich von Marie nicht kannte. Von Pierre ganz zu schweigen. Ich sah sie natürlich nicht oft, nur ein bis zweimal im Jahr, wenn sie uns zum Skifahren besuchten oder Barbara und ich zu ihnen zum Shopping fuhren. Nicht, dass ich gerne shoppte, aber Paris ist eben Paris und wenn man da jemanden kennt, muss man profitieren, sagt meine Frau immer. Wenn die wüsste, dachte ich und wälzte mich auf die andere Seite.

Durchs offene Fenster konnte ich in der Ferne die Spitze des Eiffelturmes glitzern sehen. „Wenn du schon ins Hotel gehst, dann nimm wenigstens eines mit Aussicht“, hatte Barbara gesagt. Tja, schön wie der da glitzerte, doch das nützte mir jetzt herzlich wenig. Eine Klimaanlage wäre besser gewesen, aber man kann ja nicht alles haben. Mir war schrecklich warm, nur hatte ich ohne Decke noch nie schlafen können. Zu Hause hatte ich eine, die war federleicht. Wie sehnte ich mich nach meinem eigenen Bett. Dort hätte ich schlafen können. Dort war es so viel einfacher, kein schlechtes Gewissen zu haben. Zu Hause war es fast so, als ob nie etwas gewesen wäre zwischen mir und Marie. Die Minuten verstrichen. Mühsam drehte ich mich wieder auf die andere Seite, wo mir die rot leuchtende Anzeige des Hotelweckers verkündete, dass es 2 Uhr 57 morgens war. Viel zu früh, um wieder aufzustehen. Viel zu spät, um fernzusehen. Gähnend fingerte ich an der Nachttischlampe, fand den Schalter nicht, ärgerte mich, leuchtete mit meinem Handy und knipste schliesslich das Licht an. Lustlos blätterte ich in der Informationsmappe des Hotels. Frühstück war erst um 7 Uhr, der Roomservice lieferte nur bis Mitternacht. Auch gut, Hunger hatte ich ohnehin nicht. Der Wellnessbereich stand mir ohne Aufpreis zur Verfügung, Bademantel und die passenden Latschen lagen im Schrank. Na, das war doch was. Vielleicht würde ich nach dem Frühstück noch auf einen Sprung dort vorbeischauen. Schaden konnte ein kurzes Dampfbad gewiss nicht. Vielleicht wäre ich dann beim Mittagessen mit Pierre entspannt genug, um ihm endlich reinen Wein einzuschenken. Und wenn nicht? Dann würde es eben eine weitere Flasche Château Lafite sein. Seufzend legte ich die Mappe zurück und machte das Licht wieder aus.

Warum hatte sich Marie plötzlich doch zu diesem Geständnis durchgerungen? Sie hatte alle paar Jahre mal mit dem Gedanken gespielt, Pierre von unserer gemeinsamen Nacht zu erzählen, ich hatte sie aber immer wieder davon abhalten können. Was nutzte es denn? Ausser einer ordentlichen Portion Herzschmerz und endlosen Streitereien hätte keiner von uns etwas davon. Je mehr Zeit verging, desto sinnloser schien es mir, Pierre mit einer Wahrheit zu konfrontieren, die er doch gar nicht kennen musste. Marie … Ich hatte sie immer sehr gemocht. Wenn ich es recht bedachte, war ich gar nicht so betrunken gewesen. Sie allerdings schon. An Einzelheiten konnte sie sich nicht erinnern. Ich schon. Ich seufzte. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Ich knipste das Licht wieder an, schlüpfte in meine Pantoffeln, ohne die ich nie auswärts übernachtete, stellte mich vors Fenster und sah auf die Strasse hinunter. Eine Katze huschte vorbei, sonst regte sich dort nichts. Ich sah zum sternlosen Himmel hinauf, dann zum Glitzern des Eiffelturmes hinüber. Konnten die das denn nicht abschalten? Plötzlich nervte mich dieses Funkeln. Ich schaute zurück zum Wecker. 3 Uhr 07. Ich legte mich wieder ins Bett, griff zum Handy. „Marie,“ whatsappte ich, „bist du wach?“ Ich wartete ein paar Minuten, doch es kam keine Antwort. Natürlich nicht. „Pierre,“ tippte ich kurze Zeit später, „ich war es. Ich habe mit Marie geschlafen.“ Doch ich zögerte. So konnte ich ihm das doch nicht sagen. Ich stellte mir vor, wie er in ein paar Stunden aufwachte, Marie neben sich atmen hörte, kurz im Bad verschwand und dann sein Handy hervorkramte, um sicherzugehen, dass er des Nachts keine wichtigen Nachrichten verpasst hatte. Pierre hatte viele Kontakte, nicht wenige in anderen Zeitzonen, und da konnte es schon mal vorkommen, dass ihm dieser oder jener Geschäftspartner um 3 Uhr 07 eine E-Mail schickte. Gewiss rechnete Pierre mit so ziemlich allem, aber mit einer solch unverschämt feigen SMS wohl kaum. Er würde schockiert auf das kleine Display starren, meine Nachricht wieder und wieder lesen und es nicht fassen können. Dann würde er Marie wecken, sie mit meinem Geständnis konfrontieren. Sie würde verschlafen zu ihm hochblicken, nachfragen, ob sie richtig verstanden hatte, und dann mit mitleidiger Stimme sagen, sie habe nicht gewollt, dass er es auf diese Weise erfahre. Sie würden streiten und sich ein paar Monate später trennen. Julie würde ein Scheidungskind werden. Das war nie schön, auch wenn man schon volljährig war. Und ich würde Barbara erklären müssen, warum wir niemanden mehr in Paris kannten, mit dem sie shoppen gehen konnte. Resigniert löschte ich die Nachricht wieder. „Pierre,“ schrieb ich stattdessen, „ich fühle mich nicht besonders, mir liegt etwas schwer im Magen. Ich fahre morgen früh wieder nach Hause, entschuldige.“ Immerhin war das auch wahr. Tatsächlich lagen mir mehrere Dinge schwer im Magen, das üppige Dessert von vorhin eingeschlossen. Pierre würde zwar enttäuscht, aber nicht schockiert auf das kleine Display starren. Er würde sich wieder zurück ins Bett legen, Marie weiterschlafen lassen und sich irgendwann wieder mit ihr vertragen. Und im nächsten Frühling würden wir alle vier wieder die Champs-Elisées entlang flanieren, Pierre und ich würden die Tüten tragen und alles würde vergessen sein. Und wenn nicht, konnte ich ihm dann immer noch die Wahrheit sagen. Ich drückte Senden, legte das Handy weg und löschte erleichtert das Licht. Doch das Hotelbett quietschte, als ich mich wieder einnistete, und die Decke lag wie ein Briefbeschwerer auf mir.

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