Schlaflos – Teil I

Januar

“Ein frohes neues Jahr”, hat er mir gewünscht. Immerhin. Es hätte schlimmer kommen können. Er hätte auch lachen können oder sich einfach schweigend von mir abwenden. Das hätte mich nicht überrascht. Getroffen, ja, aber nicht überrascht. Ich habe mich vorhin noch einmal bei ihm entschuldigt. Per SMS natürlich, zum Anrufen bin ich zu feige. Er hat noch nicht geantwortet. Gut, es ist auch 3 Uhr 37 morgens, vermutlich schläft er. Ein frohes neues Jahr … was sollte das eigentlich heissen? Das kann doch so vieles heissen, oder nicht? Ich hoffe, du hast ein frohes Jahr. Ich hoffe, dieses Jahr wird froh, nicht so wie das letzte. Ich hoffe auf ein frohes Jahr ohne dich. Ich hoffe auf ein frohes Jahr mit dir. Bin ich froh beginnt heute ein neues Jahr. Ein frohes Jahr für etwas Neues? Eigentlich ist doch alles möglich. Er hat auch dabei gelächelt, das ist ein gutes Zeichen. Lächeln ist immer gut. Ausser, wenn es ein höfliches Lächeln ist, dann nicht. Es könnte aber auch ein hämisches Lächeln gewesen sein, das wäre auch nicht gut. Oder ein mitleidiges.

Warum antwortet er denn nicht? Der schläft doch bestimmt noch nicht. Er ist sicher noch bei seinen Freunden. Vielleicht hat er ihnen von meinem Geständnis erzählt. Du meine Güte, die machen sich jetzt womöglich alle über mich lustig. Hoffentlich hat er Jenny nichts gesagt. Vielleicht liegt er jetzt gerade bei ihr im Bett. Oder sie bei ihm. Das ist nicht unwahrscheinlich. Sie sind ja schon so lange zusammen, da haben sie es garantiert schon getan. Wie lange sind sie denn jetzt schon zusammen? Vier Monate oder so. Drei bestimmt. Was findet er bloss an ihr? Zugegeben, hübsch ist sie ja, aber das ist doch auch nicht alles. Eigentlich ist er viel zu gut für sie. Für mich ist er auch viel zu gut, das ist mir klar, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Für mich spricht doch auch einiges. Ich bin klug. Ok, zumindest bin ich nicht dumm. Sportlich bin ich auch einigermassen, immerhin gehe ich dreimal am Tag mit Rico Gassi. Manchmal gehen wir beim Sportplatz vorbei und schauen ihm beim Training zu. Heimlich natürlich, ich will ja nicht, dass er mich sieht. Es ist ja nicht so als ob ich ihm nachstellen würde. Dienstags hilft er seinem Vater immer in der Werkstatt, aber da spaziere ich auch nicht extra vorbei. Nur, wenn wir noch zum Bäcker müssen, der ist ja nur drei Strassen weiter. Jetzt ist es schon bald vier Uhr und noch immer keine Antwort. Vielleicht hat er meine Nachricht noch gar nicht gelesen. Natürlich nicht, der schläft ja sicher. Und wenn doch? Was, wenn er sie doch gelesen hat und mir nicht antworten will? Das wäre doch möglich. Eigentlich wäre das sogar verständlich. Ich würde mir wahrscheinlich auch nicht antworten. Nicht nachdem, was ich zu ihm gesagt habe.

Ich fasse es nicht, dass ich das zu ihm gesagt habe. Wie konnte ich nur? Ganz sicher hat er es Jenny erzählt. Ich hätte gar nicht erst auf diese Party gehen sollen. Ich war ja noch nicht einmal wirklich eingeladen. Also genaugenommen schon, es waren ja ausdrücklich alle eingeladen, aber mich hatten die damit bestimmt nicht gemeint. Wenn ich es recht bedenke, war Kevin auch ziemlich erstaunt, als er mir aufgemacht hat. Kevin ist sein bester Freund, schon seit dem Kindergarten. Der hat mich einmal geküsst. Das weiss nur niemand. Eigentlich ist Kevin ganz nett, er macht nur immer so auf Macho, weil er unsicher ist. Ich weiss gar nicht, warum wir nicht mehr miteinander reden. Immerhin hat er mich reingelassen. Ich hätte aber nicht so lange bleiben sollen. Das Bier hätte ich auch nicht trinken sollen. Mir ist immer noch ein Bisschen übel. Ach bitte, antworte mir doch. Er hasst mich jetzt bestimmt. Soll ich ihm nochmal schreiben? Das kann nicht schaden. Vielleicht hat er mich vorhin falsch verstanden. So. „Ein frohes neues Jahr“, hat er gesagt. Immerhin. Und gelächelt hat er auch dabei. Ich glaube, er mag mich. Vor ein paar Wochen hat er mir einmal die Tür zur Bibliothek aufgehalten. Und er sagt immer hallo, wenn ich mit Rico an der Werkstatt vorbeikomme. Vielleicht wird es ja wirklich ein frohes Jahr. Vielleicht trennt er sich ja gerade von Jenny, sagt ihr, er wolle lieber mit mir zusammen sein. Sie streiten sich womöglich. Das wollte ich nicht. Nur warum schreibt er mir dann nicht zurück? Gut, wenn sie sich gerade streiten, kann er ja nicht. Ich frage mal, ob alles in Ordnung ist. So. Ich entspanne mich jetzt. Tief einatmen. Ausatmen. Ich war ja nicht umsonst im Yoga. Das ist ja eigentlich auch Sport. Und früher habe ich ein paar Jahre lang Tischtennis gespielt. Also so richtig. Das hat mit Ping Pong nichts zu tun. So gesehen, bin ich schon ziemlich sportlich. Soll die Jenny doch jeden Tag joggen gehen und mit ihm zum Squash fahren, mir doch egal. Die tut auch immer so im Sportunterricht. Mit ihrer engen Hose und dem pinken Poloshirt. Die weiss doch gar nicht, was sie an ihm hat. Er ist ja viel zu gut für sie. Und sie sind ja auch erst drei Monate zusammen. Vielleicht auch erst zweieinhalb, wer weiss das schon so genau.

Jetzt könnte er sich aber wirklich langsam melden. Es ist schon halb fünf. Gut, dass morgen, also heute, ein Feiertag ist. Ich könnte auch Kevin fragen, warum er mir nicht antwortet. Vielleicht ist er ja noch bei ihm. So. Kevin ist ja ganz nett und er hat mich ja auch mal geküsst … Ok, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Kevin sagt, er sei noch da, sein Akku sei aber leer, ob er ihm was ausrichten solle. Natürlich, Akku leer. „Ja, sag ihm, dass es mir Leid tut.“ Mann, diese Warterei macht mich noch wahnsinnig. „Er sagt, er weiss nicht, was du meinst.“ Bitte? Wie kann er das denn nicht wissen? Du meine Güte. „Sag ihm, es tut mir leid, was ich gesagt habe.“ Ach, dieser Kevin. Kann er ihm sein Handy denn nicht aufladen? „Was hast du denn gesagt?“ „Das geht dich nichts an.“ „Warum schreibst du mir dann?“ Na weil er ja keinen Akku mehr hat, du Idiot. Also echt. „Sag ihm einfach, es tut mir lei…“ Oh mein Gott, was ist das denn jetzt? „Hallo, ich bin’s. Ich benutze jetzt Kevins Handy, Akku leer.“ Ist er das wirklich oder werde ich gerade verarscht? Was soll ich denn da antworten? „Hallo. Ich wollte nur sagen, dass es mir leid tut, was ich vorhin zu dir gesagt habe.“ „Ist schon ok, war ja nix böses.“ Oh mein Gott, er ist ja so nett. Nett. Ja, er ist eben nur nett. Wenn er mich mögen würde, hätte er mir nicht nur ein frohes neues Jahr gewünscht. Dann hätte er etwas anderes gesagt. Sowas wie „ich dich auch“, zum Beispiel. Oh Gott, er fragt, ob sonst noch was sei. Eigentlich schon, ja. Eigentlich möchte ich gerne fragen, ob er mich denn nicht auch mag und ob wir nicht vielleicht heiraten können und zwei, drei Kinder bekommen. Das kann ich ihm aber nicht sagen. Ach, ich liebe ihn so sehr. Warum liebt er mich nicht auch? Ok, ich schreibe ihm jetzt einfach nochmal, was ich ihm vorhin schon gesagt habe. So. „Hey, hier ist wieder Kevin.“ Nein! Warum das denn jetzt? Oh Gott, jetzt weiss es Kevin auch. „Er geht jetzt nach Hause, aber er wünscht ein frohes neues Jahr.“

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